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Augen zu ... und durch !

7. Oktober 2013 , Geschrieben von Max Strammer

Augen zu ... und durch !

Es ist dunkel um ihn herum. Manfred sieht gar nichts mehr. Er ist wieder allein im Zimmer und hat immer noch Kopfschmerzen. Im Bett liegend, hört er den schlurfenden Schritten der sich entfernenden Stationsschwester nach. Garade eben hatte sie noch seine Bettdecke glattgezogen und zu ihm gesagt: "Kopf hoch! Das werden wir schon wieder hinkriegen." Dann war sie gegangen.

Durch das noch leicht geöffnete Fenster hörte man das Rauschen der Kastanienbäume. Auch ein paar Vögel zwitscherten wohl.

Dabei hatte der gestrige Tag völlig normal begonnen. Manfred konnte nicht ahnen, daß er noch vor dem Feierabend in einem Krankenhausbett der Augenklinik enden sollte. Nun lag er bereits den zweiten Tag in diesem Bett und durfte nicht aufstehen. "Sie haben absolute Bettruhe!" - hatte man zu ihm gesagt, "und das heißt: Sie dürfen nicht aufstehen, sich nicht rasieren und natürlich auch nicht rauchen. Wenn sie Hilfe brauchen, benutzen sie den Klingelknopf am Kopfende ihres Bettes, und eine Schwester wird dann nach Ihnen sehen."

Beide Augen hatten sie ihm verbunden.

An dem Schränkchen, gleich neben dem Bett hing eine 'Ente', und darunter stand ein sogenannter 'Schieber'. Diese Gerätschaften sollte Manfed benutzen, wenn ihm danach wäre, und anschließend nach der Schwester klingeln.

Danach war ihm aber überhaupt nicht, weder gestern noch heute, noch in die nächsten Tagen - das konnte er jetzt schon mit Bestimmtheit sagen.

Wie lange sein Aufenthalt hier dauern würde, das konnte man zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht sagen.

Manfred wußte nur, daß es schon "einige Tage" dauern würde. Jedoch wieviel sind "einige Tage"?

Mit Sicherheit aber hatte er jetzt, trotz aller Ungewißheit, "einige Tage" Zeit.

Es war schon Ende Mai. Die Zeit rannte davon.

Im August schon sollte sein Studium an der Offiziersschule der Deutschen Volkspolizei in Aschersleben beginnen. Ein Jahr Vorbereitungsstudium in Weimar hatte er bereits hinter sich gebracht.

Der gestrige Dienstsport in der Thüringen-Halle sollte da noch so eine Art letzter Vorbereitung auf die sportlichen Anforderungen des künftigen Studiums sein.

Manfred versuchte, sich Klarheit über das gestern Vorgefallene, dessentwegen er in der Augenklinik gelandet war, zu verschaffen, versuchte, sich in die neue Situation, die für ihn unter Umständen weiterreichende Folgen haben könnte, hineinzufinden:

Hallenfußball war angesagt gewesen. Fußball, ausgerechnet Fußball!

Des öfteren hatte diese Art der Ausgestaltung des Dienstsportes schon zu ernsthaften Verletzungen bei den Kollegen geführt.

Einige ältere Kollegen hatten es schließlich erreicht, daß zwei Gruppen gebildet wurden: eine, die Fußball spielt und eine andere, die einen ausgedehnten Waldlauf durch den Stadtwald machen sollte. Letzterer Variante hatte sich auch Manfred angeschlossen, da sie einen angenehmen Waldspaziergang, mit interessanten Gesprächsthemen und anschließender Einkehr in die Waldgaststätte verhieß.

Hier konnte man sich dann in aller Ruhe eine Zigarette gönnen und sich bei einem kühlen Bier von den Strapazen des "Waldlaufes" erholen.

Leider war der Krankenstand in der letzten Zeit deutlich angestiegen, ausgerechnet unter den "Waldläufern". Bedingt dadurch fiel dann auch der Waldlauf ins Wasser.

Aber was sollte man machen, ausschließen konnte man sich nicht, und schließlich festigt Fußball auch den Teamgeist oder den Kollektivgeist, wie es damals noch hieß. Nun gut, Manfred war wieder mal Torwart.

Sollten sich doch die anderen die Lunge aus dem Hals hetzen, er bevorzugte einen etwas ruhigeren Posten.

In seiner Mannschaft war auch noch der dicke Erich, ein Mann, schon hoch in den Fünfzigern, Pfeifenraucher aus Leidenschaft. Er konnte zwar auch schon nicht mehr so schnell laufen, aber mit seiner ehrwürdig gesetzten Ausstrahlung brachte er wenigstens Ruhe in das Spiel. Als ihn dann jedoch nach zirka zehn Minuten Spielzeit ein aus ungefähr fünf Metern abgeschossener Vollspannschuß des schnellen Dietrich traf und zwar punktgenau vor den Bauch, war beim dicken Erich die Luft raus. Mitten im Lauf blieb er wie angewurzelt stehen, seine dicke Hornbrille segelte auf's Parkett, er hielt sich mit beiden Händen den Bauch fest, verdrehte die Augen, schnappte nach Luft und fiel wie ein prall gefüllter Mehlsack auf seinen Hintern. Volltreffer! - Baucherschütterung!

Das Spiel mußte für kurze Zeit unterbrochen werden. Zwei Mitspieler halfen Erich, nachdem man sich davon überzeugt hatte, daß er keine ernsthaften Verletzungen davongetragen hatte, auf und geleiteten ihn zur nächsten Sitzgelegenheit am Spielfeldrand. Auf den weiteren Verlauf des Spieles konnte er nun also nicht mehr Einfluß ausüben. Na und? - vorher tat er dies ja ohnehin auch nur dadurch, daß er den anderen Fußballspielern im Wege stand.

Durch den Spielerverlust noch stärker motiviert, gaben sich die restlichen Fußballer aus Erichs Mannschaft noch mehr Mühe, den bereits eingetretenen Torrückstand aufzuholen, während die gegnerische Manschaft nun ihre Chance witterte, den Dienstsport mit einem fußballerischen Kantersieg zu beenden. Verbissen jagten die verbliebenen Spieler beider Mannschaften dem runden Leder hinterher, schossen aus allen Lagen und Situationen, rempelten sich an und beschuldigten sich danach gegenseitig, unfair zu spielen. Manfred sah dies alles aus der relativ sicheren Position des Torwarts gelassen mit an. Plötzlich tauchte der gegnerische Spieler Zwirn, wegen seiner Größe und der am ganzen Körper sichtbaren kräftigen Muskelpakete von den Kollegen auch der "Eisenbieger" genannt, nach einer wunderbar gelungenen Vorlage von Dietrich, einige Meter vor Manfreds Tor auf. Manfred sah, wie der Ball nach links auf Heiner Birke gespielt wurde, dieser gab zurück zu Zwirn. Manfred war inzwischen schon aus dem Tor gesprungen und war gerade im Begriff, sich dem Ball entgegenhechten, als Zwirn diesen schon angenommen hatte und ihn mit einem Gewaltschuß aus wenigen Metern Entfernung in Richtung Tor hämmerte. Vermutlich wäre der Ball wohl auch in Manfreds Tor eingeschlagen.

Es war wohl Schicksal, daß der Ball nur etwa zwei Meter weit in Richtung Tor fliegen konnte. Dann prallte er ab.

Genau in die Flugbahn des unheilbringenden Geschosses war Manfred gehechtet. Der glasharte Schuß traf Manfreds Gesicht.

Aus - Mattscheibe !

Manfred kam langsam wieder zu sich. Er war umringt von den Spielern beider Manschaften. Irgendjemand rief seinen Namen. In Manfreds Kopf war ein dumpfes Dröhnen und Rauschen, die Stimmen nahm er nur noch wie durch eine dicke Watteschicht wahr.

Er machte die Augen auf. Nichts zu sehen - das heißt: fast nichts. Mühsam führte Manfred seine rechte Hand vor's Gesicht.

Was er da sah, war nur dazu angetan, ihn aufs höchste zu beunruhigen. Fast sein gesamtes Blickfeld war von einem schmutzig grau-braunen Nebelschleier verhangen, der sich dann aber doch langsam aufzulösen begann und etwas durchsichtiger wurde. Aber nur im oberen und im unteren Bereich konnte er noch halbwegs klar sehen. Unten sah er den Parkettfußboden der Sporthalle und dazu die Schuhe der Umherstehenden, und im oberen Bereich sah er einen Teil der Decke der Halle mit ihren Neonlampen. Langsam löste sich dieser merkwürdige Nebel auf, wurde heller und durchsichtiger, machte einer eigentümlichen schwarzen Struktur Platz, die aussah, als wenn jemand Tinte auf eine durchsichtige Plastikfolie ausgeschüttet hätte. Auch die Stimmen der Kollegen wurden jetzt klarer. Die länglichen Tintenkleckse blieben jedoch. Sie wanderten und bewegten sich bei jeder Bewegung der Augen mit, hängten sich zwischen Manfred und seine Umgebung. Manfred wurde ebenfalls an den Spielfeldrand auf die Bank zu Erich gebracht, dem es inzwischen schon wieder deutlich besser ging. Der kümmerte sich um den neuen Verwundeten. Nach dem Dienstsport - die so personell geschwächte Manschaft hatte natürlich verloren - wurde Manfred dann zu einem Augenarzt geschafft und der überwies ihn sofort in die Medizinische Akademie.

Also doch etwas Ernsthaftes - noch ein Ausfall mehr.

Aber auch damit würde man leben können, würde man leben müssen.

Bestimmt würde die in letzter Zeit angestiegene Ausfallrate wieder Thema bei der nächsten Parteigruppenversammlung sein, ändern würde sich aber nichts, schließlich bestand die Parteigruppe ja fast ausschließ aus "Fußballern", und Sport mußte sein, darin waren sich alle einig.

Manfred jedenfalls würde erst mal ein paar Tage Ruhe haben, sich in der Obhut netter Schwestern sicherlich schnell wieder erholen, um dann fit wie nie zuvor die restlichen Tage bis zu seinem Direktstudium aktiv am Dienstbetrieb teilzunehmen. Darin war man sich einig.

Belastend für Manfred war nur, daß ihm beide Augen zugebunden worden waren, und so konnte er die netten Schwestern nicht näher in Augenschein nehmen. Aber vielleicht gab es ja auch noch andere Anknüpfungspunkte, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Einige knackige junge Dinger waren auf jeden Fall mit dabei gewesen, beim Schwesternteam. Das hatte Manfred während der augenärztlichen Untersuchung gleich nach seiner Einlieferung in die Klinik schon noch sehen können, bevor man ihm die Augen mit Augentropfen versorgt und dann schon im Bett, ihm die sogenannten "Möpse" über die Augen geklebt und sie mit einer abschließenden Binde vollständig "dicht" gemacht hatte.

Manfred hätte es sicher verdient gehabt, sich ausführlicher an den weiblichen Reizen, die ihn umgaben, zu ergötzen.

Daß er sie jedoch, wegen der verdammten Augenbinde eigentlich nie zu sehen bekam, war zwar ein Handikap, aber es erhöhte andererseits den Reiz bei der ganzen Geschichte. Baggern und Flirten könnte dem Genesungsprozeß bestimmt nicht abträglich sein, und den Schwestern hätten ja vielleicht auch eine kleine Abwechslung in ihrem tristen Schichtalltag, gewürzt durch die aktive Mitwirkung des besonders freundlichen Patienten Manfred M., gut zu Gesicht gestanden.

Das war zumindestens Manfreds Meinung. Ob er darin Recht haben sollte, würden die nächsten Tage ja wohl hoffentlich zeigen...

*

(c) [SiME]

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Hauptmann Blühm Polit-Offizier

7. Oktober 2013 , Geschrieben von Max Strammer

Hauptmann Blühm Polit-Offizier

Nach der letzten großen Geländeübung mit an­schließendem Schießen waren etwa drei Tage vergangen. Die Feldwebel und Offiziere waren genauso geschafft und fertig wie die Soldaten. Während erstere, sofern sie nicht zum Dienst eingeteilt waren, die Nächte außerhalb der Kaserne, also bei ihren Familien, Bräuten oder sonstwo verbringen konnten, um sich von den Strapazen zu erholen, mußten die Soldaten, wie üblich, wieder 'drin' bleiben.

Drei Tage der Nachbereitung und der Auswertung - relative Ruhe also.

Es war Donnerstagnachmittag. Das Wochenende war also schon in greifbarer Nähe.

An Ausgang oder gar Urlaub war an diesem Wochenende allerdings nicht zu denken und an den nächsten wohl auch nicht. Im ersten Halbjahr, solange dauerte die Grundausbildung im Grenzregiment, gab es normalerweise überhaupt keinen Urlaub für die Soldaten.

Bereits am gestrigen Abend hatte Manfred vom Zugführer, Unterfeldwebel Hackel erfahren, daß er nun doch als "GUvD" *) eingeteilt sei:

"Und daß Sie mich pünktlich um Vierundzwanzig Uhr ablösen...!" Und dann weiter: "Der Polit **) hat vom Kompaniechef die Bestätigung, daß die zehn besten Schützen unserer Kompanie mit zu einem Freundschaftstreffen fahren können. Die Russen geben einen aus. Pech für dich, aber der Dienstplan hat nun mal Vorrang. Da zählt es auch nicht, daß du beim Schießen Zweitbester warst... Wegtreten!"

15:30 Uhr.

Unterfeld Hackel steht breitbeinig auf dem Flur, direkt neben seinem UvD-Tisch und bläst mit voller Kraft in die UvD-Trillerpfeife:

"Kompaniiie - Raustreten!"

In weniger als einer Minute stand die ganze Kompanie in dem langen Flur, exakt ausgerichtet in Reih und Glied, eine Augenweide für jeden Vorgesetzten.

"Genossen Soldaten! Die russischen Waffenbrüder aus unserer Nachbargarnison, mit der wir seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden sind, haben eine offizielle Einladung an unser Ausbildungsregiment geschickt. Unser Polit, Hauptmann Blühm, hat die Genehmigung von höchster Stelle erhalten, daß aus unserer Kompanie die zehn besten Schützen mit zu diesem deutsch-sowjetischen Freundschaftstreffen fahren können. Hauptmann Blühm wird mitfahren und die ausgewählten Soldaten persönlich begleiten.

Folgende Soldaten rücken in X plus 15 Minuten marschbereit, in Ausgehuniform in den Klubraum zur Vergatterung ein! Sportzeug ist mitzuführen...!"- Es folgten die zehn Namen - "Wegtreten!"

Kurz vor der befohlenen Zeit trafen sich die so 'Auserwählten' im Klubraum.

Hauptmann Blühm war bereits anwesend.

Er gab Verhaltensinstruktionen und erklärte "die Rolle und Bedeutung der Ruhe und Besonnenheit" für den weiteren Ablauf, insbesondere bezüglich des Hin- und Rücktransportes:

"Genossen Soldaten! Ihr wißt vielleicht, daß es in der Vergangenheit bei derartigen Treffen mit unseren sowjetischen Waffenbrüdern nicht ausblieb, daß, einer russischen Tradition der Gastfreundschaft folgend, nach dem sportlichen Wettkampf auch Alkohol an die Soldaten und Gefreiten ausgeschenkt wurde.

Da auch wir die Traditionen unserer sowjetischen Waffenbrüder achten, kann ich keinem von euch den Genuß alkoholischer Getränke verbieten. Dadurch würden wir unsere sowjetischen Gastgeber vor den Kopf stoßen.

Aber Genossen!

Ich ermahne Sie ernsthaft: Halten Sie sich zurück! Ich will niemanden, ich betone es nochmals: niemanden(!) im volltrunkenen Zustand wieder mit nach Hause nehmen müssen!

Wir werden so gegen Null Uhr dreißig wieder zurück sein!

Ich erwarte von jedem ein vorbildliches, ordentliches und kameradschaftliches, kurz: ein 'parteiliches' Auftreten!"

Nach einem allgemeinen zustimmenden Gemurmel der Soldaten sowie anschließender persönlicher Kontrolle und Begutachtung jedes einzelnen Soldaten durch den Polithauptmann Blühm, wobei er sich von jedem Kamm, Taschentuch und Sportzeug zeigen ließ, ging es dann los, Richtung Exerzierplatz, wo die Mannschaftsfahrzeuge vom Typ W 50 schon bereitstanden.

Nach nochmaligem Antreten und Durchzählen kam dann endlich das Kommando: "Aufsitzen!"

Und so setzte sich nun ein Troß von ungefähr fünf Fahrzeugen in Bewegung, mit den russischen Brüdern ein Freundschaftstreffen durchzuführen.

Hauptmann Blühm saß im ersten Fahrzeug. Er war offiziell zum Chef dieser Freundschafts-Mission erklärt worden. Darüber war er dann wohl auch besonders stolz !

In der Zwischenzeit ging das Leben in der Kompanie seinen gewohnten Gang. Nur Manfred konnte in den späten Nachmittagsstunden keine Ruhe finden. Erst nachdem er sich ein besonders langweiliges Buch aus dem Soldatenklubraum geholt und versucht hatte, ein wenig darin zu lesen, fielen ihm beide Augen zu und er schlief fest ein, bis ihn Unterfeldwebel Hackel gegen 23:3o Uhr weckte:

"Soldat Metzner aufstehen! Es ist halb zwölf. In dreißig Minuten erfolgt die Ablösung. Aber pünktlich, wenn ich bitten darf! Und machen sie leise, damit sie die anderen nicht auch noch aufwecken!"

Null Uhr und drei Minuten. Soldat Metzner hat den Dienst übernommen und seine rote GUvD-Armbinde über den linken Arm gestreift.

Unterfeldwebel Hackel hatte ihm noch gesagt, daß sich die Rückkehrer möglicherweise etwas verspäten würden und daß der Polit in solchen Fällen die Nacht - wie in der Vergangenheit schon öfters geschehen - im Objekt schlafen würde. Dafür sei im Zimmer des Kompanieschreibers am anderen Ende des Flures - extra für solche Fälle - noch ein Bett frei. Sollte jedoch eine größere Verspätung als eine Stunde eintreten, solle Manfred ihn, den UvD, wecken und ihm diesbezügliche Meldung erstatten.

Der weitere Abend verlief vorerst jedoch ohne nennenswerte Besonderheiten. Kein Grund also, die Nachtruhe des UvD zu stören oder gar Alarm auszulösen.

GUvD Manfred Metzner döste so vor sich hin. Die Zeit floß quälend langsam.

01.25 Uhr:

Hauptmann Blühm und seine Soldaten sind nunmehr fast eine Stunde überfällig.

Manfred wollte noch fünf Minuten warten, dann würde er dem Unterfeldwebel Hackel auf die Pelle rücken müssen.

Noch drei Minuten.

Noch eine Minute. Da wurde eine Etage tiefer die Eingangstür des Hauses aufgerissen.

Stimmengewirr. Einer pfiff nach Kosakenart die Melodie eines russischen Liedes, es klang so ähnlich wie: 'Kalinka'. Mehrere Personen debattierten offensichtlich über irgendein wichtiges Thema. Dazwischen: Lallen.

Die Pendeltür zum Kompanieflur flog auf. Da waren sie also, die Abgesandten von Manfreds Kompanie. Auf die Frage, wo denn der Polit abgeblieben sei achselzuckende Antwort: "Mitgenommen ham' wir'n jedenfalls...!"

Die kurze Andeutung: Zeigefinger auf den Mund - wurde von allen verstanden, und schon verschwand die mittelschwer angetrunkene Truppe fast lautlos in den Zimmern.

Nach weiteren fünf Minuten wurde die Haustür wieder, diesmal unter lautem Fluchen, aufgestoßen.

Ein Poltern im Treppenhaus. Dann öffnete sich die Pendeltür. Vor Manfred stand schwankend, mit roter Nase und mit gläsernen Augen: der Polit!

Die linke Hand am offenen Bund, sicherte er seine Hose vor dem Herabrutschen. Die Uniformjacke nur um die Schulter gehängt, die Schirmmütze bewunderungswürdig völlig auf den Hinterkopf geschoben, in der rechten Hand das Uniformkoppel, das Koppelschloß mit dem DDR‑Emblem hinter sich herschleifend - ein Bild für Götter...

Als die beiden Flügel der Tür zurückpendelten und den Rücken des Hauptmanns trafen, trat er fluchend einen Schritt nach vorne und verlor dabei seine Schirmmütze. Sie landete auf dem Fliesenboden. Blühms Kommentar: "Scheissse!"

Während Manfred überlegte, ob er zuerst seine Meldung machen oder sich vorher lieber nach der Mütze des Polits bücken sollte, winkte dieser schon ab: "Genosssse Soldaat...! Sie brauchen sich doch nich'xtra wegen mir zu mühen. Das is kein Problem. Ich melde Ihnen: Ich bin der letzsste und geh' heute in mein Kompaniebett schlafen!

Den Russen haben wir's aber gezeigt! ...Drei su Eints!... Fußbaall!...

Ach ja, wenn sie so nett wär'n, mich morgen früh wieder zu erwecken...!"

Das kurze "Jawoll!" vom GuVD Manfred verhallte im langen Flur, während Hauptmann Blühm sich schwankend nach seiner Kopfbedeckung umsah und dann bückte. Bei dieser Gelegenheit stellte er fest, daß seine Schnürsenkel ja schon offen seien, und wohl deshalb zog er auch gleich seinen linken Schuh aus. Da er dabei jedoch seine Hose loslassen mußte und diese nunmehr im Begriff war, nach unten zu rutschen, richtete er sich wieder auf, zog seine Hose so gut es eben ging hoch und begab sich, der Flurwand folgend, in Richtung seines Nachtquartiers. Dabei schoß er, fußballspielend, mal die Schirmmütze, mal den linken Schuh vor sich her, bis schließlich auch er in seiner Unterkunft verschwunden war.

Am nächsten Morgen brachten die Frühsportler dann die erste Neuigkeitsmeldung mit: Es wird gefahndet! Gesucht wird:

"Das Schwein, das auf unseren Exerzierplatz geschissen hat!"

* * *

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*)
GUvD - Gehilfe des "Unteroffiziers vom Dienst"

**)
"Polit" - Polit-Offizier.

In den Armeen der sozialistischen Staaten für die Verbindung von militärischer und politischer Bildung und Erziehung sowie für die Vermittlung des Wissens und die politischen Dimensionen militärischen Handelns zuständig.

Auch in der ehemaligen DDR vertrat man die Auffassung, daß der militärische Führungsprozeß nur in der permanenten Einheit von fachlicher und politischer Führung sinnvoll verwirklicht werden kann.

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Bauarbeiterehre

7. Oktober 2013 , Geschrieben von Max Strammer

Bauarbeiterehre

Frühling 1975. Noch ist zeitiger Morgen. Der Wecker klingelt. Manfred ist bereits wach. Ein leises Knacken des Weckers, ca. eine Minute vor dem eigentlichen Wecksignal, beendete seinen Schlaf.

So war es fast jeden Tag.

Eine Minute. Zeit, sich auf den neuen Tag einzustimmen.

Eine Minute. Zeit, sich noch einmal zu räkeln, zu spüren, daß noch alle Körperteile da waren.

Die harte Arbeit in der Tiefbaubrigade hatte seinen

Körper gestählt und sehnig werden lassen. Schwielen und rauhe Haut an den Händen waren das äußere Zeichen.

Bettdecke zur Seite und: "Auf!"

Eine halbe Stunde später: Manfred ist auf seiner 250er MZ auf dem Weg zur Arbeit, Richtung Norden, zur Großbaustelle, zur Baracke neben der Beton-Mischanlage, dort, wo auch Huggis Zimmermannsbrigade ihre Unterkunft, ihren Umkleideraum hatten.

Hier gab es, neben den LKW-Abstell- und Waschplätzen, einige Garagen, die teilweise als Lagerräume genutzt wurden. Und hier, in einer der Garagen war auch der Schmied anzutreffen, wenn er nicht gerade mit seinem Gesellen draußen war, auf der Baustelle, zu Arbeiten, die meist nichts mit dem Handwerk eines Schmiedes zu tun hatten.

Hier, in unmittelbarer Nähe war auch die Bauarbeiter-Kantine, in der man für 50 Pfennige eine Tasse Kaffee oder ein belegtes Brötchen kaufen konnte, in der es mittags meist Nudeln mit Gulasch gab und in die sich hin und wieder auch mal ein Streifenpolizist verirrte.

Erst gestern wurde von den Bauarbeitern in der Kantine einer, dieser grün gekleideten Menschen auf besonders freundliche und herzliche Art begrüßt:

"Was will'n das Bullenschwein hier?!" und: "Bullen raus!"

Dieser Unmut kam sicherlich nicht nur durch die noch frisch im Gedächtnis haftende Schilderung eines Kraftfahrers zustande. Er hatte berichtet, daß in der letzten Nacht einer Maurerbrigade das "Mittag" - eine ausgiebige Arbeitspause, die so ab 01 Uhr begann und deren Ende in der Regel ungewiß war - verdorben worden sei.

Gerade, als die Kollegen in ihrem Bauwagen, bei Schnaps und Bier und bei fröhlichem Kartenspiel die letzten Nachtschichten auswerteten, wurde mit einem schweren Knüppel von außen gegen den Bauwagen gedroschen und eine tiefe Männerstimme soll laut gebrüllt haben:

"Los! - Raus hier! - Ihr faulen Säcke! - An die Arbeit! - Aber ein bißchen flott ! - Das geht im Laufschritt! - Ihr sollt Klägen*), damit wir auf unser Geld kommen! "

Nach einer kurzen Pause des Erschreckens und der Fassungslosigkeit, in der wohl auch einige Flaschen zu Bruch gegangen waren, hörte man nur noch das Geräusch sich schnell entfernender Schritte. Nachdem die Bauwagentür von innen aufgestoßen war, sahen die Maurerkollegen, wie in einiger Entfernung zwei "Grüne" in einen Funkstreifenwagen einstiegen und flüchteten.

Manfred stellte sein Motorrad ab, neben der Unterkunftsbaracke, hier, wo der tägliche Wahnsinn seinen Ausgangspunkt hatte.

Da, ein Knall!

Als Manfred die Unterkunft betrat, nahm er als erstes seinen Brigadier wahr. Der rannte fluchend und brüllend herum klopfte seine Jacke und seine Hose ab und suchte den Schmied:

"Schmied! - Du dreckige Sau! - Wo versteckst du dich - du elender Hund? - Komm endlich raus, damit ich dir mit meinem Spitzhammer den Schädel spalten kann!"

Die Tür zum Umkleideraum war offen. Es brannte kein Licht. Im Gang standen einige Kollegen und hielten sich vor Lachen die Bäuche. Im Schein einer Taschenlampe: kleiner Glassplitter glänzten auf dem Fußboden.

Im Umkleideraum hatte offensichtlich eine Glühbirnen-Explosion stattgefunden.

Allen war klar, daß der Schmied wieder mal zugeschlagen hatte. Offensichtlich hatte er sich eine dieser großen Glühbirnen besorgt, die auch zur Beleuchtung des Umkleideraumes dienten, und diese dann mit einem Gemisch von Azetylen und Sauerstoff gefüllt. Es war nicht das erste mal, daß die Kollegen unter den derben Späßen des Schmiedes zu leiden hatten. Mit einem autogenen Schweißgerät ein kleines Loch in den Glaskörper einer Glühbirne zu brennen, anschließend das Loch mit einem Kaugummi zuverschlossen und die Glühbirne, kurz bevor die ersten Arbeiter ankamen, in eine Lampenfassung des Umkleideraumes einzuschrauben - auf diese Idee mußte man erst mal kommen. Der Schmied hatte sich dann wohl auch gleich aus dem Staub gemacht und war bis auf weiteres nicht mehr auffindbar.

Naja, bis zum Feierabend würde die Wut des Brigadiers schon verflogen sein.

Eine neue Glühbirne wurde also besorgt und eingeschraubt. Danach konnte man sich endlich umziehen. Anschließend kurze Abstimmung, was an diesem Tag für Arbeiten, die unbedingt geschafft werden mußten, anstanden. Man nahm das benötigte Werkzeug: Spitzhammer, Flechterzange, Säge usw. aus der Werkzeugkiste, griff noch einmal in die Tüte mit den 80er Nägeln und füllte damit seinen, am Gürtel hängenden Lederbeutel. Nach einem kurzen Kontrollstrich, ob auch die Geldbörse, die Zigaretten und das Taschenmesser dabei sind, konnte es losgehen. Zu Fuß zur Baustelle.

Nach sieben Uhr, als der Zimmermanns-Brigadier Hugo Kolbe - von allen nur "Huggi" genannt - mit seiner Brigade am nördlichen Teil Großbaustelle ankam, war schon ziemlich klar, daß wohl auch dieser Arbeitstag nicht so sehr lange dauern würde.

Ringsum Erdarbeiten.

Einige Bagger und Planierraupen wühlten sich durch das Erdreich, LKWs krochen schwer beladen auf den Plattenwegen, Vorarbeiten für künftige Baumaßnahmen an den Fundamenten für die sechs- und elfgeschoßigen Wohnneubauten, die hier einmal stehen würden. Dazwischen tiefere Gräben, in denen schon fertige Betonfundamente waren. Aus U-förmigen Betonteilen würden hier die Sammelkanäle entstehen, welche die einzelnen Häuser miteinander verbinden und so Wasser und Strom in künftige Haushalte brächten. Alle hundert Meter mußte sich in diesen Kanälen ein sogenannter "Festpunkt" befinden, der die Schub- und Zugkräfte der teilweise recht dicken Wasserrohre aufnehmen und berechenbar machen sollte. Diese "Festpunkte" wurden traditionell in einem Stück und vor Ort hergestellt. Das Flechten der Bewehrungskörbe, das anschließende Herstellen der Holzverschalung, das Einfüllen mehrerer Kubikmeter Frischbeton und nach Tagen das Wiederausschalen des fertigen "Festpunktes", das waren die Arbeiten, die Huggi mit seiner siebenköpfigen Brigade tagtäglich durchzuführen hatte.

Vor rund einem halben Jahr war die Baubrigade um drei weitere Mitglieder angewachsen: Lehrlinge. Manfred war einer von ihnen.

Huggi hatte sich damals gleich väterlich bemüht, die drei "Neuen" schnellstmöglich in das Leben der Brigade einzugewöhnen. Nach einer Zeit der Handlanger- und Hilfsarbeiten, dem Schleppen von meterlangen 12er Kanthölzern und Baumstämmen, dem Buddeln im Erdschlamm - man brauchte ja schließlich "Baufreiheit"- war schon recht bald der Zeitpunkt erreicht, ab welchem die Lehrlinge richtige Arbeiten verrichten durften.

Daß die Zeit davor eine Testphase war, inwieweit die Lehrlinge auch dichthielten, wurde Manfred erst später klar.

Kein Lehrling hatte sich je über die Drecksarbeit beschwert. Das merkte Huggi sehr wohl, und er begann plötzlich den Lehrlingen Geschichten und Märchen zu erzählen: vom "Hänsel und Gretel", vom "Hans Guck-in-die-Luft" und vom "Zwerg Nase".

Und immer, wenn ihm mal bei der Arbeit in einem der Sammelkanäle ein ordentlich knatternder Bierfurz entglitten war, stimmte er das frohe, Manfred bis dahin völlig unbekannte Kinderlied an, das da in etwa so ging:

"Höret all', ihr lieben Knaben:

Tausend Nasen möcht' ich haben

Tausend Nasen, das wär' fein,

und keine dürft' verstopft mir sein!

Nein! Tausend Nasen sind zu wenig,

denn ich bin ja der Nasenkönig..."

Am sogenannten "Bauwerk 30" angekommen, begab sich die in Zwei- bis Dreimann-Gruppen aufgeteilte Brigade an ihre Arbeitsplätze und begann mit dem Schachten, Sägen, Hämmern, Rödeln, den Ein- bzw. Ausschalarbeiten an den jeweiligen zugewiesenen "Festpunkten".

Auf dem Weg zur teilweise recht schlammigen Baustelle hatte Huggi bereits mehrfach festgestellt:

"Verdammt trockne Luft heute...! Ich hab' 'nen Durscht, wie 'ne Tümpelkröte!..."

Der lange, etwas staksige Hans nickte zustimmend. Er redete nicht sehr viel, wenn er nüchtern war. Das lag wohl an seinem Sprachfehler.

Auch er hatte gestern offensichtlich nicht genug getrunken. Wie sonst wäre das jetzt so deutliche und plagende Durstgefühl erklärbar?!

Und da: "Zack!" - schon flogen einige 80er Nägel in hohem Bogen in das nächste Gebüsch.

Das war für die drei Lehrlinge ein sicheres Zeichen: Wenn die Nägel aufgebraucht sind, ist erst einmal Pause angesagt! Schon in ein paar Stunden würde es dann wieder heißen:

"Stifte - zum Chef! Geheimauftrag!"

Und so kam es dann auch.

Der Vorrat an 80er Nägeln war erstaunlich schnell aufgebraucht.

Schon gegen 10 Uhr schickte der Brigadier die Lehrlinge mit zwei höchst wichtigen "Geheimaufträgen" in die nächste Kaufhalle.

Geheimauftrag Nr: 1 :

Sie sollten die leeren Pfandflaschen abgeben, einen Klumpen Gehacktes, Zwiebeln und Brötchen dafür einkaufen.

Geheimauftrag Nr: 2 bestand darin, daß sie sich, ohne von der Bauleitung erwischen zu lassen, in der Kaufhalle 60 Flaschen Bier sowie einer großen Flasche Zitronenlikör für den Brigadier bemächtigten und diese dann, nach dem Bezahlen an der Kasse, schnellstens hier, im Brigadehauptquartier abzuliefern hätten.

Als Brigadehauptquartier wurde ein etwas abseits gelegener, fast fertiger Sammelkanalabschnitt benannt, der "Festpunkt" seitig mit hölzernem Einschalmaterial versperrt wurde und dessen anderes Ende in einer mit Wasser gefüllten Baugrube - dem künftigen Standort eines Hochhausfundamentes - endete.

Und so zogen die drei Lehrlinge los, mit prall gefüllten Leergut‑Einkaufsnetzen, in Richtung Kaufhalle, den Willen ihres Brigadiers nach besten Wissen und Gewissen in die Tat umzusetzen.

Etwa eine halbe Stunde später waren sie wieder zurück, lieferten die Kriegsbeute ab und meldeten die ordnungsgemäße Erledigung der Geheimaufträge.

In der Zwischenzeit hatten die anderen Kollegen der Brigade behelfsmäßige Sitzgelegenheiten und eine Art Tisch zurechtgezimmert, damit man es beim Durststillen nicht so unbequem habe.

Nach einer letzten "Peilung der Lage" zischten die ersten Kronkorken und Huggi nahm einen großen Schluck aus seiner Zitronenlikör Pulle.

Die Lehrlinge nahmen wieder mal zur Kenntnis, daß wahre Meisterschaft im Biertrinken darin besteht, eine soeben geöffnete 0,33 Liter-Bierflasche in einem Zug hinterlaufen zu lassen und den Genuß derselben mit einem lautstarken Rülpsen zu vollenden.

Gehacktesbrötchen wurden geschmiert und nach einem kräftigen Biß in eine Zwiebel mit einer Flasche Bier heruntergespült.

Nach den ersten drei Flaschen Bier, die jeder, traditionell so hinterzukippen hatte, war der schlimmste Durst erst einmalgestillt.

Zwischen Bier und Gehacktesbrötchen sang der Brigadier mehrmals sein Lied vom Nasenkönig, was ihm mehrere finstere Blicke der Kollegen einbrachte.

Offen zu schimpfen, traute sich jedoch keiner. Zu groß war die Achtung vor dem Brigadier Huggi, der, seinen Erzählungen nach, während er auf Montage in LEUNA war, einem verdammten Sachsen eine Schrotsäge auf den Rücken gedroschen haben will und der danach aus mindestens zwanzig Löchern geblutet hatte. Zu frisch war noch die Erinnerung an Huggis Wutanfall, als er aus ungefähr 50 Metern Entfernung seinen Spitzhammer punktgenau in die Tür des Traktorfahrerhauses hämmerte, als dessen Fahrer versuchte mit seinem zig Meter langen Anhängerzug an einer engen Stelle zu wenden und dabei einige neue Schaltafeln, die für Huggis Brigade bestimmt waren, zermalmte. Und auf die heutige Sache mit der Umkleideraumlampe konnte man ihn auch noch nicht ansprechen, wollte man nicht einen erneuten Zornesausbruch riskieren.

So schimpfte man ein bißchen auf den Staat, wo man so viel arbeiten müsse, für so wenig Geld, auf Erich, der jeden Tag kostenlos russischen Sekt säuft, der in den Westen reisen und die Westhuren bumsen kann, wenn er nur will.

"Ja, im Westen müßte man lebe', sich die Nülle mit "Sanso" waschen, fette Autos fahren, den ganzen Tag nur faul rumhängen und schwer Kohle verdienen. So ein Leben, das wär das Paradies auf Erden."

"A..An allem ist nur A...A...Adolf schuld!"

"Ach was! Hätten die Amis eher den Finger aus dem Arsch gezogen, wäre der Russe nicht bis an die Elbe gekomme' und wir könnten heute Urlaub im Puff von Barcelona mache'!"

"Aber, Thüringen war doch in der Hand der Amis ?!"

"Ja, die verdammten Kapitalisten haben uns eben im Stich gelasse' und uns dem Russen ausgeliefert!"

"Wir Arbeeter wollt'n doch schon immer die deutsche Einheit: Deutschland einig Vaterland!"

"D...Das singt man heute n..nich' mehr!"

"Sind ooch bloß die verdammten Kapitalisten dran schuld!"

"N...Na, ich denke, d...du willst ma n...nach'n Westen?!"

"Na klar, denen ma' das Arbeeten beibringe', ma' zeijen, wo der Hammer hängt! Die Hunne wissen überhaupt nich', wie 'n echter deutscher Arbeiter ranhaue' kann!"

"Was willst'n denen schon zeig'n, wenn de vielleicht zur Beerdijung von deiner Jroßmutter ma' rüberfahre' kannst - du hast doch nischt vorzuweise', du hast doch dein ganzes Geld uf'n Kopp jehaun und den Rest hat deine Olle einkassiert, du armer Schlucker?!"

"Das isses eben! Scheiß-Westen!"

"Sch...Scheiß-Osten!"

"Nee, Scheiß-Russen!"

"Ach, Scheiß-Amis!"

"Sch...Scheiß drauf!"

"Scheiße!"

"Prost!"

Nach dem dritten Bier und 'ner halben Flasche Zitronenlikör war auch endlich Huggis Ärger verflogen und er brachte das Gespräch selbst auf den Schmied:

"Dieser Schweinehund aber auch, ausgerechnet mich hat er anjeschiss'n mit dieser Glühbirne...!

Diese Explosion hätte mir den janzen Kopf abreißen können - meine Trommelfelle summen jetz' noch, wenn ich bloß dran denke!

Aber mit der Knallerei hat er eben was drauf, daß muß mer sage'. Könnt ihr euch noch erinnere', letzten Herbst, als der den leeren 6-lagigen Papier‑Zementsack mit seinem Schweißgas voll jemacht hatte und unten dran eine mit Benzin jetränkte Lunte aus Werg...? Das hat jekracht, als ob 'ne Bombe aus'm zweeten Weltkrieg hochjegangen wäre. Blöd war nur, das der Wind das Ding mitten auf die Straßenkreuzung geweht hatte."

Da hängte sich Hans mit rein:

"N...Nur gut, d...daß da gerade k...keener gestand'n hat, d...dem hätt's garantiert d...die Hosen weggefetzt u...und die Ohren gleich mit d..dazu. J...Juhuhchen! - d..das war Klasse!"

"Paß bloß auf, daß dir nich' jleich eener de Ohren abfetzt, Langer! Lern' erst ma' richtich Spreche'!"

"L..L..Leck m..m.. - ..!" Hans winkte ab und wandte sich nach hinten.

"Ach, komm Langer - du weißt doch, daß ich's nich' so gemeint haawe, zieh' nich' jleich wieder so'ne Fresse! Trink lieber noch een. Komm wieder her.

Horch ma' ich sing dir auch ein schönes Lied...!"

Doch schon beim ersten Ton hielten sich alle die Nasen zu und waren bestrebt, in dem Gang des Sammelkanals, das Weite zu suchen.

Ja ja, so war er: Huggi, 1,90 Meter groß, gespannt wie eine Stahlfeder - furchtbar in seiner Wut, aber nett und freundlich wie ein Kind, wenn alles nach seinem Willen lief - von hinten die Gestalt eines Superathleten mit riesenbreiten Schultern und schmalen Hüften, von der Seite aber war sein überdimensionaler harter und fester Bauch zu sehen, groß wie ein Waschkessel.

Und, obwohl er es oft versuchte, eine richtige Melodie brachte er mit seinem "Blasinstrument" nie zustande.

*

(c) [SiME]

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Lerge Breslau Texte

24. September 2013 , Geschrieben von Max Strammer

Lerge Breslau Texte

(K)eine Fabel

Ein Mann sprach zu einem Pfau:
"Tu mir den Gefallen und gib mir eine Feder;
ich will sie meiner Braut schenken,
mich ihrer Liebe zu versichern.

"Da wurde der Pfau boese,
er sprang dem Mann auf den Kopf,
bearbeitete ihn mit dem Schnabel,
schlug ihn mit den Fluegeln
und zerkratzte ihm das Gesicht.

Ein anderer Mann kam,
der gab dem Pfau ein Zuckerbrot und sagte:
"Was hast du fuer ein schoenes Gefieder.
Doch dein Leib ist vergaenglich -
es waere schade,
wenn auch deine Federn dereinst zu Staub wuerden,

Gib mir deinen Balg, ich will ihn ausstopfen
und auf die Weltausstellung nach Paris bringen.
Alle sollen deine Schoenheit bewundern.

"Der Pfau gab ihm seinen Balg.
Seither ist er nackt - und er friert.

Moral:
Wem kleine Opfer sind zuviel,
der haelt bestimmt bei groesser'n still.


[- lerge breslau -]

Lerge Breslau Texte

Die Zukunft von der Vergangenheit befreien?
Die Vergangenheit von der Zukunft befreien?


„So mancher Mensch fühlt sich in einer Zeit so glücklich, daß er meint, es gäbe keinen zweiten, der über so viel Glück verfügt. Solcher Mensch träumt! Er erwacht dann und hält Umschau, er reibt sich die Augen, damit er den Rest des Schlafes, nein: des Traumes fortwische, wie er meint.
Aber es sind keine Schlaf- oder Traumreste, sondern nur Tränen, welche ihm die Erkenntnis, die aus dem Erwachen geboren ist, aus den Augen trieb, damit er klar in die Gegenwart blicke, um für die Zukunft den richtigen Weg zu finden.“ [7] 2)
Karl Meister 1) (1954)

- - -


Werde gegenwärtig!

Da liegen sie nun wieder auf meinem Schreibtisch, die längst vergilbten, vor einem knappen halben Jahrhundert in Sütterlinschrift engbeschriebenen 200 Seiten. Ihr Verfasser: der im Jahre 1900 geborene und kurz nach seinem 65. Geburtstag verstorbene Zimmermann Karl Meister, dessen ganzes Leben, von der Kindheit an bis zum Tode - mit Ausnahme weniger glücklicher Jahre - eine einzige Tragödie war. Kinder- und erste Jugendjahre geprägt durch Not und Entbehrungen. Besonders schlimm die Jahre des 1. Weltkrieges. Noch im letzten Jahre dieses Krieges zum Militär eingezogen, nach dem Kriegsende bald die Inflationszeit, lange und bange Jahre des wirtschaftlichen Niedergangs und der Arbeitslosigkeit, und bald schon, am 26. August 1939, eine Woche vor Beginn des 2. Weltkrieges, Einberufung zur Wehrmacht. Hier wurde er nach eigenen Angaben schon nach wenigen Tagen zum zweifachen Mörder - wenn auch gegen sein Gewissen und ohne jegliche Alternative.
Kurz vor Kriegsende, nun schon im 45. Lebensjahr stehend, geriet er in amerikanische Gefangenschaft, wo er in einem Lager in Frankreich anderthalb Jahre lang teilweise recht menschenverachtenden Verhältnissen ausgesetzt war.
Zur gleichen Zeit, in Abwesenheit, Verlust seiner schlesischen Heimat. Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft: Niederlassung im Anhaltinischen, geduldig ertragene Krankheit, die nie richtig diagnostiziert und ausgeheilt werden konnte und die zum viel zu frühen Tode führte. Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß neben dem physischen Verschleiß durch Kriegsdienst und Gefangenschaft auch die psychischen Belastungen durch Arbeitslosigkeit und soziales Elend, durch Kriegserlebnisse und Heimatverlust seinen rapiden gesundheitlichen Verfall beschleunigt haben.

Karl Meister war ein Mann, der all sein Erlebtes in überaus starkem, fast bedenklichem Maße verinnerlichte und im Bewußtsein behielt. Er befaßte sich immer wieder damit und versuchte, mit einer eigenen, wenn auch etwas hausbackenen Lebensphilosophie Erklärungen zu finden, das Geschehene kritisch zu reflektieren und moralisch zu werten, wobei ihm über weite Strecken die elementaren Lehren der christlichen Ethik und ein gesunder Menschenverstand genügten - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Bemerkenswert ist, daß er auch Jahre nach dem Kriege weder mit seinen Angehörigen noch mit anderen Menschen über seine Erlebnisse und Probleme, die ihn so stark beschäftigten, gesprochen hat. Dazu war er nicht fähig, fürchtete wohl auch, daß ihn andere nicht verstehen würden und daß sich dadurch seine tiefe Seelenverwundung nur noch verschlimmern könnte.
Meister war ein geistig reger Mensch mit vielfältigen Interessen, dem während der Zeit des Kaiserreiches, der Weimarer Republik und des sogen. 3. Reiches die Möglichkeit einer höheren Bildung versagt geblieben war, der sich im Leben kaum Bücher leisten konnte und der sich dennoch auf so manchem Gebiet autodidaktisch weitergebildet hat. Zum Beispiel hat der gelernte Zimmermann noch während des Krieges - zeitweise hatte er dazu die Gelegenheit - und auch in den ersten Nachkriegsjahren einfache und auch kompliziertere Rundfunkgeräte (von der sogenannten „Goebbels-Schnauze“ über den „Volksempfänger“ bis hin zu anspruchsvollen Superhet-Schaltungen) nachgebaut.
Doch - bei aller intellektueller Beweglichkeit und Regsamkeit - das Kriegserleben saß in ihm zu tief, nagte und fraß an seiner Seele. Kein Wunder, daß er nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft versuchte, all das schriftlich festzuhalten, was ihn im Leben besonders betroffen gemacht hat.
Solchen Kategorien wie Leben, Traum, Erkenntnis, Erinnerung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wendet er besonders im ersten Teil seiner Aufzeichnungen immer wieder seine Aufmerksamkeit zu. Auch wenn vieles davon einer wissenschaftlichen Kritik nicht standhält, wenn manches gar einer ganz individuellen und subjektiven Religion nahekommt, so ist es doch lehrreich, seine Standpunkte zur Kenntnis zu nehmen. Dies ermöglicht es dem Leser auf jeden Fall, die subjektive Verfassung des Karl Meister bei den Erlebnissen, die er zur Darstellung bringt, mit zu berücksichtigen.
Doch lassen wir ihn hier nun erst einmal selbst zu Wort kommen:

„Wenn jemand zu mir spräche: 'Du Narr! Ist das Leben nicht schön? Bist Du blind oder schläfst Du? Ach, ich sehe, Du träumst.' Ich würde ihm antworten: 'Ich bin soeben erwacht. Aber dort hängt ein Spiegel. Bitte bediene Dich seiner, damit Du gegenwärtig wirst. Werde gegenwärtig! Siehe Dich selber in der Gegenwart und siehe unsere Götterfreundin, die Frau Erkenntnis. Sie zeigt mit einer Hand in die Vergangenheit und mit der anderen Hand in die Zukunft. '
Warum weist die Frau Erkenntnis nicht mit beiden Händen in die Zukunft?
Es wäre ungerecht, wenn sie dies täte. Man muß zurückblicken in die Vergangenheit, um das Gegenwärtige so zu meistern, daß es in Zukunft ein Brauchbares wird. (...) Deshalb sei die Vergangenheit der beste Lehrmeister. (...) Ohne Vergangenheit keine Gegenwart und keine Erkenntnis. Und ohne Gegenwart und Erkenntnis keine Zukunft.“ [4]
Es war im Jahre 1954, als Karl Meister diese Worte niederschrieb. In seinen weiteren Ausführungen wird besonders deutlich, daß es vor allem die unendliche Tragik des im 2. Weltkrieg selbst Erlebten und Durchgemachten war, die den Verfasser dazu trieb, zu Feder und Papier zu greifen, um sich seinen Frust von der Seele zu schreiben, mit sich selbst ins reine zu kommen, und endlich seine innere Ruhe wiederzufinden. Ob ihm letzteres gelungen ist, muß freilich bezweifelt werden. Seine Darlegungen aber sind ein greller Aufschrei gegen die Ungerechtigkeit, Kulturlosigkeit und Barbarei, gegen eine verbrecherische Politik, die vor Krieg und Menschenmord, ja Völkermord nicht zurückschreckt, wenn es um die Durchsetzung der egoistischen Interessen einer machthabenden Minderheit geht.
Und, ist dem nicht so, daß selbst die Nürnberger Prozesse, dieses große internationale Tribunal, im Grunde genommen nur die „Spitze des Eisberges“ getroffen haben. Wie viele Schreibtischtäter und persönliche Initiatoren von Massenmord sind bis heute nicht zur Verantwortung gezogen worden, gelangten nach dem Kriege wieder in hohe und höchste Ämter und führten bzw. führen noch heute ungehindert ein Leben in Wohlstand und Zufriedenheit, von keinerlei Skrupeln geplagt. Der „kleine Mann“ dagegen, der - wenn er noch Glück hatte (!) - den Krieg überstand, wenn auch als Krüppel, fragt sich, was er denn nun durch seinen „heldenhaften Kampf für Führer, Volk und Vaterland“ gewonnen hat, gewonnen hat für sich und seine Familie, für die Menschheit und die Menschlichkeit. Und gar mancher von ihnen, der gegen seinen eigenen elementaren Willen zum Mörder oder wenigstens zum Beihelfer für den Mord geworden ist, plagt sich bis an sein Lebensende mit Gewissensbissen und persönlichen Schuldgefühlen, leidet an einer verwundeten Seele - unheilbar, weder durch subjektives Verdrängen, noch durch irgendeine Form psychotherapeutischer Behandlung.
Auch Karl Meister gehörte zu diesem Personenkreis.

*


2. Seelentrauma

Karl Meister , der den Krieg fürchtete und zutiefst haßte, der gegen Hitler und die ganze Naziherrschaft eingestellt war, gerade er hatte, noch ehe er sich's versah, als der Krieg noch keine zwei Wochen alt war, zwei Menschenleben auf sein Gewissen geladen.
Er selbst schreibt dazu:
„Mein Abteilungskommandeur war Major Riedel, ein edler Charakter, bei dem ich ähnliche Einstellungen vermutete wie ich sie selbst hatte. (...) Ich habe ihm bei Belagora das Leben gerettet, indem ich selbst zum Doppelmörder wurde. Das war am 11.09.1939, früh um 7.15 Uhr, also 10 Tage nach Beginn des Krieges gegen Polen. Der Herr Major konnte nur gerettet werden, wenn dafür zwei andere Menschenleben ausgelöscht wurden. [56]
(...) Ich kam einem Bauerngehöft von dessen Rückseite her, aus der Deckung näher. Da erblickte ich zwei mit Gewehren bewaffnete Zivilisten, Partisanen. Vor ihnen schritt Major Riedel. Aus dem Mund hing ihm ein Lappen. Ich legte mich geräuschlos hin und wartete auf den günstigsten Moment. Der eine Zivilist legte sein Gewehr ab, während der andere sein Gewehr auf den Major richtete. Der Erstgenannte zog nun einen Strick aus der Tasche und schlug damit dem Major ein paar mal quer übers Gesicht. Dann band er sein Opfer an einem Pflaumenbaum fest. In diesem Augenblick krachte mein erster Schuß. Die Kugel drang dem, der das Gewehr hielt, durch den Kopf. Ich sah sein Zusammensacken, als ich blitzschnell nachlud. Der andere Zivilist drehte sich um und sah, daß sein Kamerad am Boden liegt - da zerriß ihm meine zweite Kugel den Kopf. [61,62]

Das Gewehr neu geladen, sprang ich auf, das offene Taschenmesser in der Hand, rannte zum Major, durchtrennte die Fessel und riß ihm den Lappen aus dem Mund. Major Riedel wollte mir gerade seine Dankeshand reichen, da krachte ein Schuß, und ein mir persönlich sehr nahestehender junger Soldat - er hätte mein Sohn sein können - brach, aus einer Brustwunde blutend, zusammen. Zum Major gewandt, schrie ich: 'Zurück!' Das war das einzige Wort, das ich herausbringen konnte. Zehn Schritt seitwärts von mir lag mein junger Kamerad. Aufrecht rannte ich zu ihm, griff ihn wie ein Bund Stroh und warf ihn über meine rechte Schulter. Sein Blut rann mir zum Jackenkragen hinein. 'Zurück!' brüllte ich dem Major entgegen. Zurück trug ich einen auf meiner Schulter Sterbenden. Ich schritt aufrecht und spürte die Last nicht. Keine Kugel pfiff mir hinterher, und ich hörte keinen Knall. Zurück! Bis zum Dorfrand. Dort, unter einer Pappel, legte ich meine Last ab, vorsichtig, um dem verwundeten Kameraden, ein Kind noch, keine unnötigen Schmerzen zu bereiten. Doch er war bereits tot. Ich drückte ihm seine Augen zu, und aus meinen Augen flossen Tränen. Dort liegt er nun begraben. Er starb auf der rechten Schulter eines vor wenigen Sekunden zum Doppelmörder gewordenen Kameraden, nicht auf fremder Erde! Sein Blut floß über meinen Körper.“ [62]
Dies alles spielte sich in kürzester Zeit ab, in einer Minute, vielleicht in zwei - wer sieht in solcher Situation schon nach der Uhr?
Das Leben des Gefreiten Karl Meister war von diesem Zeitpunkt an ein völlig anderes. Nie wieder würde er von dem loskommen, was über ihn hereingebrochen war. So ist es nur zu gut zu verstehen, wenn er schreibt:
„Würde man mich noch heute (1954) wegen Doppelmordes verurteilen, ich legte mein Haupt widerspruchslos aufs Schafott. Hunderte von schlaflosen Nächten habe ich seit dieser Handlung hinter mir. Keine einzige Nacht ist seitdem vergangen, wo ich nicht meine Gebete für diese beiden Menschen, aber auch für mich an den Herrgott richtete. Und das soll so bleiben bis an mein Lebensende. Ja, durch den Krieg bin ich zum Mörder geworden. Zwei gezielte Schüsse wurden von mir abgegeben, und jeder dieser Schüsse wirkte auf der Stelle tödlich. Meine Seele ist seit diesem Tage mit Menschenblut besudelt!“ [59]
Die Kampfhandlungen wurden von beiden Seiten mit größter Verbitterung geführt, sowohl von den angreifenden faschistischen Soldaten, als auch von den ihr Vaterland verteidigenden Polen. Der einzelne kam dabei oft völlig überraschend in eine Situation, wo er sich in Sekundenschnelle zu entscheiden hatte, oder wo er Dinge zur Kenntnis nehmen mußte, die seine psychische Belastbarkeit, wenn schon nicht seine individuelle weltanschauliche (oder auch seine religiöse) Grundposition total überforderten.
K. Meister legt mit anschaulichen Worten dar, welche Grausamkeiten und wieviel Unmenschlichkeit, auch von gegnerischer Seite, er bereits in der ersten Woche dieses Krieges erlebt hat. So hatte er schon am Tage zuvor Dinge gesehen, die selbst die Psyche eines wesentlich härter gesottenen Mannes überfordert hätten:
Zwei Dörfer vor Belagora war seiner Einheit von Partisanen arg zugesetzt worden. Als die Deutschen schließlich das Dorf eingenommen hatten, bot sich den Kameraden ein grausiges Bild: Ein deutscher Soldat, den die Partisanen einige Stunden vorher gefangengenommen hatten, war in der Kirche, nicht weit vom Altar entfernt, an einem Kronleuchter aufgehängt worden, mit dem Kopf nach unten. In dieser Lage war er mit Knüppeln zu Tode geprügelt worden. Die Knüppel lagen noch in unmittelbarer Nähe des Toten. Und am Ortsausgang lagen am Straßenrand deutsche Soldaten, denen die Augen ausgestochen und die Zungen abgeschnitten worden waren. Meister schreibt darüber:„Ich habe es mit eigenen Augen gesehen - und kein Mensch wird mir dies je ausreden können. Die Täter habe ich freilich nicht gesehen, und ich beschuldige auch nicht irgendeine Nation als Ganzes dieser grausigen Tat. " [57] (Unterstreichung im Original-Manuskript)
Sicherlich nicht zufällig fügt Meister gerade diesen Darlegungen ein weiteres Erlebnis an, in welchem seine persönliche Haltung noch deutlicher wird. Er schreibt:
„Eines Tages rückten wir über einen Fluß. Unendlich lange Schlangen deutscher Soldaten marschierten über die Pontonbrücke, die ursprüngliche Brücke war gesprengt worden. Auf der anderen Seite des Flusses standen tausende polnischer Flüchtlinge. Diese mochten wohl schon seit Tagen dort gewartet haben. Sie wurden von deutschen Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten immer wieder zurückgedrängt, wenn sie über die Brücke ziehen wollten. Die Kinder schrien vor Hunger. Eine Frau aus dieser Menge wagte sich an die deutschen Soldaten heran, hielt ihnen ihre Hände bittend entgegen und sprach die Worte: 'Pan, chleb ...', was soviel heißt wie 'Herr, bitte geben Sie mir Brot ... '
Der vor mir reitende deutsche Soldat hatte eine Reitpeitsche, und mit zwei schnell aufeinanderfolgenden, wuchtigen Schlägen traf er die Frau mitten ins Gesicht. Noch während die Frau ihn ansprach, hatte ich die linke Packtasche geöffnet und warf ihr ein halbes Kommißbrot entgegen. Doch da hatte sie die zwei Hiebe schon erhalten. Dutzende von Menschen, die in der Nähe standen, beobachteten den Vorfall. Was werden sie wohl hinterher gesagt haben:
' Die Deutschen haben die Frau geschlagen '. Aber so war es ja nicht. Es war ein Deutscher und nicht die oder gar alle Deutschen. Und wird etwa einer von ihnen gesagt haben: ' Die Deutschen gaben der Frau Brot.'? Ganz bestimmt nicht. Sie werden gesagt haben: ' Ein Deutscher gab ihr Brot.'
Darum soll man aus der Einzahl keine Mehrzahl machen, ob bei Gutem oder bei Schlechtem. Wegen eines schlechten Menschen darf man nicht eine ganze Nation für schlecht halten. (...) Gleich nach dem Vorfall sagte ich zu dem Tyrannen: ' Was denkst Du wohl, was Du Dir für ein Stück geleistet hast !! Hast Du dabei auch daran gedacht, daß es uns Deutschen einmal so ergehen könnte? '
Seine Antwort: ' Ach, Du dummes Schwein! Du denkst wohl, daß wir den Krieg verlieren?! ' An seinem Rock prangte eine Medaille mit Hakenkreuz. So wußte ich nun, wes Geistes Kind er war. Wenige Stunden später zerriß ihm ein Querschläger seinen Kopf, und sein Gehirn hing ihm aus dem Ausschußloch heraus. Für ihn empfand ich kein Mitleid, ihm drückte ich kein Auge zu ! " [58]
Am anderen Tage gegen zehn Uhr - die Erlebnisse der letzten 24 Stunden waren für Meister doch zuviel gewesen - erwachte er in einem notdürftig eingerichteten Krankenrevier aus einer längeren Ohnmacht. Seine blut- und erdbeschmierte Feldbluse war ihm abgenommen worden, und er erhielt eine andere dafür. An ihr befanden sich Unteroffizierstressen, die Meister freilich nicht zustanden. Aber er hatte es bei der ganzen Aufregung ja auch noch gar nicht mitbekommen. Als er Stunden später wieder vor Major Riedel stand, sagte dieser zu ihm: "Gratuliere , Meister, wie sind Sie so schnell Unteroffizier geworden? "
Erst jetzt bekam Meister die ihm widerfahrene Unregelmäßigkeit mit. Der Major fügte nun hinzu:
„Sie haben es sich verdient, also bleiben Sie es ab sofort.“
Aber Meister entgegnete:
„Danke, Herr Major, aber ich bin kein Weihnachtsbaum. Das Lametta kommt runter. Ich bin und bleibe ein Mensch und sonst nichts weiter. " [69]
Schon zog er die Feldbluse aus und hatte mit seinem scharfen Taschenmesser in wenigen Augenblicken die Tressen entfernt. Das ging dem Major nahe, und er führte den Gesprächsfaden weiter: „Sie sollen zum EK I eingereicht werden.“
Da zwischen dem Major und dem Melder Karl Meister ein gutes persönliches Verhältnis bestand, antwortete Meister:
„Herr Major, dafür habe ich keine Verwendung!“
Später reflektiert er die Situation so: „Gestern habe ich gemordet, heute Unteroffizier sein und als Prämie noch ein Eisernes Kreuz tragen - nein, das durfte niemals meinem Inneren entsprechen! [69]
(...) Anderntags: Wir befanden uns im Gehöft einer polnischen Dorfkneipe. Im Hause selbst war der Major mit seiner Schreibstube untergebracht. Da sagte der Major: 'Kommen Sie mit auf mein Zimmer, Meister, ich muß mit Ihnen sprechen, von Mann zu Mann.'
'Jawohl , Herr Major, sprechen wir endlich einmal von Mann zu Mann, von Mensch zu Mensch.'
In seinem Zimmer legte er mir eine Schachtel Zigaretten vor und hieß mich zu rauchen und den Rest einzustecken. 'Das dürfte wohl klar sein, Herr Major, daß ich die Zigaretten als die meinigen betrachte.'
Der Major:
'Na endlich, jetzt werden Sie wohl bald vernünftig, Meister, oder ist Ihnen etwas geschehen?'
Es klopfte. Der Major ließ eintreten. Wachtmeister Leuninger meldete stramm: '9. Batterie - 36 Mann Ausfall, überwiegend Tote.'
Der Major: 'He, Franz, laß Deine Männchenbauerei, wir sind unter uns!'
Jetzt wurde Leuninger auf mich aufmerksam. Der Major sah uns abwechselnd an, bot Leuninger einen etwas gebrechlichen Stuhl und wiederholte die soeben vernommene Meldung: '9. Batterie - 36 Mann verloren ... o weh!'. Automatisch erhoben wir uns von den Stühlen, und jeder hatte so seine Gedanken.“ [70]
Aus dem vorgesehenen Gespräch von Mann zu Mann war unter den gegebenen Umständen nichts geworden. Oder doch? Auf jeden Fall wurde es für Meister zunehmend klarer, daß der Abteilungskommandeur Major Riedel sowie der Wachtmeister Leuninger, die sich offenbar schon von früher her gut kannten, genau so dachten wie Meister selbst, daß auch sie den Krieg haßten und verabscheuten, daß auch sie Hitler und seine Hintermänner - wer das auch immer sei - verfluchten. Letzte Klarheit darüber gewann Meister einige Zeit später in dem nunmehr nachgeholten Vier-Augen-Gespräch.
Als Melder hatte Meister mehrfach täglich unmittelbaren dienstlichen Kontakt zu dem etwa fünfzig Jahre alten Major, einem Manne, der im Zivilleben Gymnasialdirektor war und der ebenfalls, genau wie Meister, kurz vor Ausbruch des Krieges als Reservist einberufen worden war.
Meister schreibt dazu:
„Von diesem Tage an grüßten wir uns, wenn niemand anderes in der Nähe war, nur noch per Handschlag. Er war mir zum Vater geworden, ich ihm zum Sohne.“ [70]
Später, nach einer Verwundung wurde Meister ins Lazarett Lublin eingeliefert und in Gips verpackt. Als ihm letzterer abgenommen worden war, erfuhr er zufällig, daß wenige Zimmer weiter auch Major Riedel liege - bettlägerig, allein in einem Vierbettzimmer.
Meister erhielt die Möglichkeit, seinen Abteilungskommandeur in dessen Zimmer zu besuchen. Dieser war sichtlich erfreut, seinen Lebensretter in seiner Nähe zu haben, und er sorgte dafür, daß Meister schon am nächsten Morgen mit in sein Zimmer verlegt wurde. Sicherlich keine alltägliche Geste: der hohe Offizier und sein Gefreiter in einem Krankenzimmer.
Es kam zu einem regen und aufschlußreichen Gedankenaustausch, bei dem sich beide Männer näherkamen: der akademisch gebildete Gymnasialdirektor und der einfache Zimmermann, aus dem vielleicht auch ein Gymnasialdirektor geworden wäre, wenn, ja wenn seine Eltern ihm eine höhere Bildung hätten angedeihen lassen können.
Diese beiden Männer mit den so unterschiedlichen Lebensläufen hatten, wie sich immer wieder zeigte, durchaus viele Gemeinsamkeiten. Immerhin war der Reserveoffizier Major Riedel, genau wie auch Karl Meister, entgegen seinem Willen in die Reservistenuniform gepreßt worden.
Karl Meister machte seinem Herzen Luft, indem er dem Major sagte: „Ich habe Hitler noch nie gesehen und wünsche dies auch künftig nicht, wenn ich nicht gerade einen geladenen Karabiner bei mir habe.“ [81]
Und er legte dem Major seine eigene, bescheidene Lebensphilosophie dar, in welcher er den Wert eines Menschen auf dessen Charakter und praktisches Handeln fixierte, nicht aber auf Herkunft, Besitztum und gesellschaftliche Stellung. Er gestand dem Major: „Hätte ich nicht schon von Anfang an gefühlt, daß Sie, Herr Major, einen edlen Charakter haben, dann hätte ich wahrscheinlich meine Seele nicht mit dem Blut der beiden Polen besudelt und hätte Sie Ihrem Schicksal überlassen.“ [81]
Gleiches machte er auch für den schwerverwundeten Unteroffizier Schade geltend, den er Tage nach dem Vorkommnis mit dem Major unter höchster Gefahr für sein eigenes Leben aus der Feuerzone geborgen hatte.
Als Meister aus dem Lazarett entlassen und zu einer Ersatzeinheit in Schweidnitz in Marsch gesetzt wurde, siegelte der Major ihm fest ins Gedächtnis: „Kamerad Meister, bleiben Sie der, der Sie waren und der Sie sind!
Der Weg, den Sie gehen, wird schwer sein, aber verlassen Sie niemals Ihr Ziel!“ [81]
Das war Trost und Anerkennung für Meisters wunde Seele, gab ihm Richtung und Kraft für sein künftiges Handeln.
Entsprechend dem vom Lazarett erstellten Befund galt Meister fortan als nicht mehr frontverwendungsfähig und sollte von der Ersatzeinheit in Schweidnitz ausgemustert werden, landete zunächst aber im Lazarett in Herrnprotsch. Weit ab von der Front, weitab vom Morden, möchte man glauben. Aber nein doch!
Auf seinem Zimmer lag ein schmächtiges Bürschchen, ein Kanonier oder Gefreiter, mit verbundenen Handgelenken. Im Gespräch mit diesem erfuhr Meister, daß der ziemlich zartbesaitete junge Mann, der so gar nicht in das von den Nazis propagierte Idealbild eines deutschen Jungen - „Hart wie Kruppstahl, zäh wie Riemenleder, flink wie Windhunde!“ - paßte, sich in einer höchst prekären Lage befand.
Er hatte gerade sein Examen als Bauingenieur bestanden, als er zum Barras einberufen wurde. In seiner Einheit ist er von seinem Unteroffizier, einem stupiden und rohen Schlägertyp, regelmäßig schikaniert und auch körperlich mißhandelt, unter anderem mehrfach mit dem Knie in den Bauch gestoßen worden. Das Leben wurde für ihn unerträglich, und er wußte keinen Ausweg. Auf der Toilette schnitt er sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern auf, doch das wurde durch Zufall noch rechtzeitig entdeckt. Er konnte gerettet werden. Ein Fall für die Psychiatrie? Nein, ein Fall für das Militärgericht, das ihn schon einige Tage danach wegen Selbstverstümmelung und angeblicher Feigheit vor dem Feinde kompromißlos zum Tode verurteilte, zum Tode durch Erschießen. Und so dauerte es auch gar nicht lange, bis eines Tages ein Wachtmeister der Militärgendarmerie und drei Mann mit Stahlhelmen anrückten und den Unglücklichen in Handschellen zur Urteilsvollstreckung abholten. Seinen Suizidversuch haben sie ihm nicht gegönnt - Mord hatte Vorrang vor Selbstmord!
Es versteht sich, daß Meister durch das fast hautnahe Miterleben dieses unmenschlichen Geschehens in seiner inneren Opposition gegen die Nazis, gegen ihren menschenverachtenden, verbrecherischen Krieg nur noch bestärkt worden ist.

*
3. Intermezzo

Um Ostern 1940 wurde Meister schließlich ausgemustert, übernahm in Breslau eine Stelle als Hausmeister, war im wesentlichen mit leichten Arbeiten betraut, die seinem Gesundheitszustand zuträglich waren.
Wachtmeister Franz Leuninger - wir erinnern uns: der dritte Mann im Bunde gleichgesinnter Männer (Major, Gefreiter, Wachtmeister) -, der inzwischen auch ausgemustert worden war und der eine führende Position in der Bau- und Siedlungsgesellschaft bekleidete, hatte für seinen Kriegskameraden diese Stelle beschafft und führte ihn während des Einstellungsgesprächs auch in die neuen Aufgaben ein. K. Meister hatte nach längerer Zeit endlich wieder einmal das Gefühl, ein Mensch zu sein, endlich wieder nützliche Arbeit leisten zu dürfen.


*

4. Apokalypse

Aber diese Idylle, sofern man sie in ihrer Zeit und unter den damaligen allgemeinen Umständen überhaupt als solche bezeichnen kann, hielt nur knappe anderthalb Jahre an, dann erhielt Meister erneut Gestellungsbefehl. Daß er einmal als nicht mehr frontverwendungsfähig ausgemustert worden war, spielte ab sofort keine Rolle mehr. Der „Führer” brauchte Kanonenfutter.
Es folgten: Einsatz an der Ostfront, nun schon gegen die Sowjetunion. Wieder Verwundung, wieder Lazarettaufenthalt und anschließend Genesungsurlaub. Schließlich wurde er binnen weniger Tage zum Kommandoführer ausgebildet und als Leiter eines kleinen Außenlagers („Kommando“) mit zehn sowjetischen Kriegsgefangenen eingesetzt, das in einem Breslauer Vorort, in Birkenwerder, untergebracht war. Eines Tages wurde er zu seiner Stammeinheit gerufen, wegen seiner „Heldentaten“ im Polenfeldzug mit dem EK I ausgezeichnet und zum Unteroffizier befördert. [126]
Er selbst schreibt mit Bezug auf das EK I:
„Ich trug dieses Ding nur, wenn ich in irgendeiner Angelegenheit zur Kompagnie mußte. Ansonsten lag dieser Blutorden in der Tischschublade in der Wachstube auf der Kommandostelle. Mir graute davor! Später, als ich mit einem Kommando französischer Kriegsgefangener Breslau für immer verlassen mußte, ließ ich das Ding absichtlich dort im Schubkasten liegen.“ [127]
Getreu seiner allgemeinen Lebenshaltung betrachtete Meister die Gefangenen in erster Linie als Menschen, die irgendwann einmal, ohne persönliches Verschulden und gegen ihren Willen in diese Zwangslage geraten waren. Er fand viele Möglichkeiten und stellt diese in seiner autobiografischen Aufzeichnung auch ausführlich dar, den Gefangenen, die im übrigen in Produktionsbetrieben in der Nähe arbeiten mußten, das Leben zu erleichtern - auch wenn er sich dadurch den Unwillen einiger Firmeninhaber zuzog, die auf eine möglichst rigorose Ausbeutung der für sie ja fast kostenlosen Arbeitskraft der Kriegsgefangenen aus waren. [127ff.]
*
Die Zeit verging, die Front rückte näher, der Krieg kehrte mit immer größeren und schnelleren Schritten dorthin zurück, von wo er seinen Ausgang genommen hatte. Viele Menschen, vor allem Greise, Frauen, Kinder, verließen vor der heranrückenden Front ihre angestammte Heimat, begaben sich unter unsäglichen Strapazen - es war ja strenger Winter - zu Fuß oder per Pferdewagen in eine düstere, äußerst fragwürdige Zukunft.
Die Eisenbahn war ihrer Aufgabe längst nicht mehr gewachsen.
Auch die Kriegsgefangenen wurden in Richtung Westen verlegt. Doch lassen wir dazu wieder Karl Meister selbst zu Wort kommen:
„Am 25. Januar 1945 verließen wir dann auch mit allen Kriegsgefangenen - Franzosen, Belgier, Russen, Engländer - die Stadt Breslau und zogen kreuz und quer durch das halbe Deutschland. Früh um 8 Uhr standen alle Gefangenenkommandos, wie befohlen, vor Stoltes Tanzsälen, insgesamt etwa 5.000 Mann. Sie wurden in sogenannte „Marschsäulen“ eingeteilt. Den Oberbefehl über unsere Marschsäule hatte ein Hauptmann, welcher uns mit seinem Auto bis nach Bad Salzungen begleitete. Dies ist aber nicht etwa so zu verstehen, daß er sich ständig bei der Marschsäule aufhielt. Schließlich hatte er ja für die Verpflegung, für Übernachtung zu sorgen und mit den verschiedensten Dienststellen über die weitere Marschroute zu verhandeln.

Die eigentliche Leitung der Marschsäule hatte der Hauptmann einem Oberfeldwebel namens Klee übertragen, während er selbst mit einem Schreibstubenunteroffizier und mit einer - nicht seiner (!) - Frau mit dem Auto davonbrauste.
Klee erhielt täglich den Auftrag, mit der Marschsäule bis zu einem bestimmten Ort zu ziehen und dort weitere Befehle entgegenzunehmen. Dieser Oberfeldwebel war früher bei der SS und war so eine Art Spitzel. Außerdem war er nicht gerade intelligent. All dies führte dazu, daß ich den Kerl nicht ausstehen konnte. Er wurde mir täglich unsympathischer und verhaßter.
Ob für die flüchtenden Zivilpersonen oder für die Kriegsgefangenen, es war für alle katastrophal und grauenvoll.
Nachts sank die Quecksilbersäule bis weit unter minus 20 Grad. Schlimmer Hunger wurde zum ständigen Begleiter der Menschen, die nach fast 6 Jahren Krieg mit unzureichender Nahrungsversorgung ohnehin nichts zuzusetzen hatten. Bei den Kriegsgefangenen kam noch die mangelhafte Bekleidung hinzu, insbesondere weitgehend verschlissenes, ungeeignetes und reparaturbedürftiges Schuhwerk. Die englischen, französischen und belgischen Gefangenen waren zwar damit noch einigermaßen gut versorgt, aber die Russen besaßen teilweise nur klobige, selbst aus Holz geschnitzte „Elbkähne“, die keinesfalls für solche Wegstrecken geeignet waren, wie sie von den Menschen täglich bewältigt werden mußten.
An den ersten Tagen waren die Straßen noch weitgehend frei, aber bald gab es allerlei Hindernisse: zerbrochene Pferdewagen, die den Weg versperrten, bis zu zwei Metern hohe Schneeverwehungen, in denen die Fahrzeuge der flüchtenden Bevölkerung steckenblieben, Staus, Menschengedränge, verzweifelte Hilferufe, Panik, schreiende Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, froren und hungerten.
Allein schon auf der Strecke von Breslau bis Kostenblut zählte ich etwa 50 Leichen. Sie konnten wegen des Frostes nicht bestattet werden, wurden einfach unter den Straßenbäumen abgelegt. Es waren überwiegend Kinder und alte Menschen, die den strengen Frost und die Höllenstrapazen nicht überstanden. Vor Jauer hatte eine Frau, deren Mann erst kurze Zeit vorher an der Front gefallen war, auf dem Ackerwagen Drillinge entbunden. Sie und ihre drei Neugeborenen lagen kurze Zeit später erfroren ebenfalls unter den Straßenbäumen. Die nur wenige Jahre alten Geschwister der erfrorenen Drillinge, die die Frau nun als Vollwaisen zurückließ, schrien herzzerreißend um ihre Mutter. Was mag wohl in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen auf sie zugekommen sein?
Auf der gleichen Strecke überholten wir einen Zug KZ-Häftlinge, es mögen etwa 150 Frauen gewesen sein. Sie trugen gestreifte Kutten, ihre Füße waren äußerst schlecht bekleidet, ihre Waden rot und blau, vom Frost aufgedunsen und geschwollen. Es waren meist Judenfrauen. Ihre Haare waren zerzaust, ihre Kleider schmutzig und zerrissen.
Ihre Bewacher waren SS-Leute. Bei günstiger Gelegenheit während des Überholens fragte ich diese leidgequälten Geschöpfe, wohin sie denn gebracht würden. Eine von ihnen antwortete mir in schon fast gleichgültigem Ton, daß sie nach Groß-Rosen zum Verbrennen gebracht würden. Eine mitleidige Dorfbewohnerin wollte den zweifellos bereits vom nahenden Tode Gezeichneten etwas Trinkwasser reichen, sie wurde von einem der SS-Bewacher angebrüllt und mit dem Karabiner bedroht.
Wir rasteten in einem sorbischen Dorf. In einem größeren Bauerngehöft brachten wir den größten Teil unserer Marschsäule unter. Die Franzosen und Engländer hatten noch einige wertvolle Gegenstände, wie Bekleidung und Schokolade, bei sich, die sie bei der Bevölkerung gegen Brot und andere Lebensmittel eintauschen konnten. Die Russen besaßen solche Wertobjekte nicht, sie litten also besonders stark unter Hunger.
Einer von ihnen hatte im Gehöft die Kartoffelkammer entdeckt und schlich sich hinein, um seinen Hunger mit rohen Kartoffeln zu stillen. Er mußte diesen versuchten Mundraub mit seinem Leben bezahlen. Ein bis noch vor kurzem UK-Gestellter („Unabkömmlicher“) war kurz vor Kriegsschluß noch Soldat geworden und wurde bei der Kriegsgefangenenbewachung eingesetzt. Er schoß den hungernden Russen auf dem Kartoffelhaufen nieder, schoß ihn nieder wie einen räudigen Hund - so, als hätte er durch seine UK-Stellung in der Vergangenheit so manches versäumt und müßte dies jetzt, kurz vor Kriegsschluß, noch schnellstens nachholen.
Als ich wegen des Knalls hinzugeeilt kam, hörte ich, wie der Bauer, der früher als ich eingetroffen war, zu dem Mörder sagte: 'Warum haben Sie das getan ?? Ich schenke Ihnen den ganzen Kartoffelhaufen, denn ich und meine Schweine fressen keine Kartoffeln, die mit Menschenblut besudelt sind !' [150-152]
Ich notierte mir den Namen des Mordschützen und schrieb eine Meldung an den Kompagniechef. Was daraus geworden ist, kann ich leider nicht sagen, denn ich konnte mich nicht weiter darum kümmern. Der Kerl gehörte ohnehin nicht zu meinem Haufen, und ich habe ihn vorher nicht gekannt und bin ihm auch später nicht mehr begegnet. [152]
In Hermannsdorf/Niederschles. war unsere Geduld schon mal zu Ende. Mein guter Kamerad, Unteroffizier Spehr und ich, also wir zwei Unteroffiziere, saßen bei einem kleinen Bauern und genossen unser Abendbrot, das man uns gut und reichlich serviert hatte. Bei uns saß auch ein einfacher Soldat, in welchem mein Freund einen guten Menschen erkannt haben wollte. Ein Wort zum anderen, und wir drei hätten zu einer verschworenen Gemeinschaft werden können. Doch ich konnte kein rechtes Vertrauen zu diesem Dritten finden, und ich stieß meinen Unteroffizierskameraden mehrfach mit dem Fuß unter dem Tisch an, wenn der zu frei und offen sprach. Wir redeten darüber, daß Oberfeldwebel Klee ein saugemeiner Kerl sei. Mein Unteroffizierskamerad dachte laut nach über die Möglichkeit des Meuterns.
Der Dritte tat so, als sei er Feuer und Flamme für diesen Plan, ja er sprach sogar selbst davon, daß als erstes Klee aus der Welt geschafft werden müsse. Doch dann sprang der Soldat wieder ab von dem Plan und sagte, das könne er nicht mitmachen, nein, nein, er habe noch niemals eine Leiche gesehen außer denen, die beim Treck am Straßenrand lagen, und da habe er nach der anderen Seite geschaut. Am nächsten Tage wurde ich zur Kompagnie gerufen und nach der Unterhaltung mit Unteroffizier Spehr gefragt. Ganz energisch leugnete ich, daß Spehr von so etwas gesprochen habe und verlangte Gegenüberstellung mit der Person, die so etwas erfunden hat. Spehr hatte auf mich gerechnet und sagte vorher bei einer gleichen Vernehmung dasselbe aus, bestätigte also meine Aussage. So ging die Sache ohne Folgen ab, und wir waren um eine wesentliche Erfahrung reicher. Übrigens war das bewußte Gespräch ja nur ein erster Gedankenaustausch, ein mehr oder weniger lautes Nachdenken, das schon im Keime scheiterte, weil unter drei Personen schon ein Verräter war. Außerdem war uns klar, daß es in der Wachmannschaft noch viele potentielle Verräter und überzeugte Nazis gab. Zu Ihnen zählte mit Sicherheit auch Stabsgefreiter Emmerich, der insbesondere die russischen Kriegsgefangenen mit Knüppeln und Bohnenstangen traktierte. Es hieß also, vorsichtig zu sein, denn die Nazi-Machthaber waren angesichts des nahenden totalen Unterganges besonders fanatisch und rigoros.“ [152/153]

Es war bei Bad Sulza, wo drei Franzosen von Meisters ehemaligem Breslauer Gefangenen-Kommando fußkrank ausfielen. Meister nahm sich ihrer an und blieb mit ihnen hinter der Marschsäule zurück. Er las auch noch zwei Russen auf, die, völlig erschöpft, auf einem Steinhaufen lagen und ihr Ende erwarteten. Sie erhielten Unterkunft und Verpflegung bei einer Lehrerfamilie, zu der sie vom Bürgermeister des Dorfes geschickt worden waren.
Zwei Tage später, am 28. Februar früh, trafen sie wieder auf die Marschsäule, die zwischenzeitlich auch einen Ruhetag eingelegt hatte.
Oberfeldwebel Klee überschüttete Meister mit einem Donnerwetter, doch Meister blieb ihm keine Antwort schuldig, glaubte er doch fest, daß es bereits „fünf Minuten vor zwölf“ ist. [153]
Karl Meister dazu: „Den Karabiner hatte ich dabei so griffbereit, daß ich mich nur durch große Beherrschung selbst daran hinderte, ihn auf den Oberfeldwebel zu richten. Und der hat dabei wohl auch gespürt, daß er mit mir in solchem Ton nicht lange umspringen kann. Jedenfalls zog der es vor, in den Wagen zu steigen und mir nicht länger ein Ziel zu bieten. Die Marschsäule setzte sich in Bewegung. Es ging in Richtung Weimar, an Weimar vorbei, auf die Autobahn. An der Auffahrt zur Autobahn befanden sich Wegweiser:
links nach Berlin, rechts nach Erfurt.
Klee hatte sein Fahrzeug schon etwas vor der Autobahnauffahrt verlassen und hatte sich an die Spitze der Marschsäule begeben. Niemand außer ihm wußte etwas über die geplante Marschrichtung. Er führte uns in Richtung Berlin, genauer gesagt: zunächst in Richtung Hermsdorfer Kreuz.
Als wir etwa eine Stunde in dieser Richtung marschiert waren, trafen wir auf Arbeiter, welche mit der Ausbesserung der Autobahn, die hier stark durch Bombeneinschläge gelitten hatte, beschäftigt waren. In diesem Augenblick befand ich mich ziemlich an der Spitze der Marschsäule und bekam mit, wie Klee die Arbeiter fragte, ob denn die Autobahn bis Erfurt so zugerichtet sei. Die Antwort war: 'Ihr kommt doch aus Richtung Erfurt, da müßt Ihr doch gesehen haben, wie es aussieht.' - 'Nein wir wollen doch nach Erfurt', - anwortete Klee.
'Du, Kumpel,' - sagte da der eine Arbeiter zum anderen - 'guck Dir doch den mal genauer an, ich glaube, der hat den Sonnenstich und will mit dem Haufen über Berlin nach Erfurt ziehen!' Und zu Klee gewandt, fügte er noch hinzu: 'Na, weißte, du Saukopf, ich glaube, es ist wohl das beste, wenn wir dich gleich in dem Trichter hier mit zuschippen ... ' [156]
Ich grinste innerlich vor Freude darüber, daß ihn ein Zivilist in unserer Gegenwart so gedemütigt hatte, hätte im nächsten Augenblick aber auch vor Wut über diesen Vollidioten von Klee platzen können. Doch ich schwieg, denn es war noch nicht die Zeit, mit ihm abzurechnen.

Statt nun die Marschsäule einfach „Kehrt“ machen zu lassen, ließ er die Spitze „Links schwenkt, marsch“ machen, und alle mußten erst noch bis zu der Stelle vorrücken, wo wir standen. Klee glaubte wohl, er befände sich auf dem Kasernenhof und vollführe Exerzierübungen mit Rekruten. Doch dann ging es ja wirklich in Richtung Erfurt.
Nun gelangten wir wieder an die Autobahnauffahrt Weimar. Es war schönes Wetter, klare Luft. Aber dies hatte auch seine Nachteile: die Marschsäule konnte von den alliierten Flugzeugen leicht gesehen werden. Vorläufig gewahrten wir aber nur einige Kondensstreifen in größerer Entfernung. In völlig ungedecktem Gelände ließ Klee die Marschsäule halten. Ruhepause. Wer noch etwas Eßbares bei sich hatte - und das waren freilich die wenigsten - , nahm es zu sich. An das in letzter Zeit schon fast allgegenwärtige Geräusch von Flugzeugmotoren hatten wir uns ja bereits gewöhnt. Unsere Marschsäule hatte sich auseinandergezogen, und kleine Gruppen von fünf bis zehn Mann fanden sich zusammen.
Mancher der Kriegsgefangenen untersuchte seine Schuhe und die wundgelaufenen Füße oder beschäftigte sich mit irgendetwas anderem. Bald vernahmen wir wieder Flugzeuggeräusche. Klee sah durchs Fernglas und sagte dann, daß es sich um ein deutsches Flugzeug handele. Das Flugzeug machte nun ein paar Schleifen, verringerte dann die Flughöhe und nahm Kurs direkt auf Weimar. Da die Autobahn bei Weimar ziemlich hoch gelegen ist, konnten wir von hier aus alles genau beobachten. Wir sahen, wie das Flugzeug eine Bombe auslöste und sofort wieder steil nach oben strebte.
'He, Klee! Werfen deutsche Flugzeuge Bomben auf deutsche Städte?!' - so brüllte ich den Oberfeldwebel an. Doch was er sich in seinen Bart brummte, konnte ich nicht verstehen. Meine Aufmerksamkeit galt auch viel zu sehr dem Flugzeug und der Stadt Weimar, wo jetzt eine große gelb-graue Wolke aufstieg, die mehrere schwarze Rauchfahnen nach sich zog. Erst jetzt ertönten in Weimar die Luftschutzsirenen. Nunmehr bog das Flugzeug, das uns offensichtlich schon längst wahrgenommen hatte, in unsere Richtung ab. Der Pilot hatte uns als neues Ziel ausgemacht. Die Maschine kam im Tiefflug näher, ihre rote Kanzel war für uns klar erkennbar. Da knallte es plötzlich aus seinen MGs. Die Kugeln pfiffen an mir vorbei, einige der Gefangenen waren bereits getroffen worden. Panikartig verließ ich den Queckenhaufen, auf dem ich mich niedergelassen hatte, und rannte in die Kiefernschonung 3), die am nördlichen Rande des Ackerstückes lag.

Keine wirksame Deckung zwar gegen das MG-Feuer. Aber doch ein gewisser Sichtschutz - genau genommen: nur eine naive Hoffnung, ein Griff nach dem rettenden Strohhalm. Auch die Kriegsgefangenen und das Wachpersonal flüchteten in besagte Schonung. Das Flugzeug sauste über uns hinweg, wendete und schoß, was nur aus den Läufen herausging.
In der allgemeinen Panik, wo jeder nur darauf bedacht war, sich über den grobschollig gepflügten Acker in die Kiefernschonung zu retten, merkte ich erst ziemlich spät, daß wir inzwischen von einem ganzen Schwarm solcher Flugzeuge 4) beharkt wurden. Schon war eine beträchtliche Zahl von Kriegsgefangenen getroffen worden und blieb tot oder schwerverwundet auf dem Acker liegen. Die anderen liefen buchstäblich um ihr Leben, es war ein Fallen und ein Aufspringen, ein Jagen und Flüchten. Endlich erreichte ich das Wäldchen, warf mich unter ein Bäumchen. Aber auch hier war die Luft genauso eisenhaltig wie über der freien Ackerfläche. Und schon bald war ich mit einer Menge von Zweigen bedeckt, welche von den Bäumchen abgeschossen waren und auf meinen Körper fielen. In meiner Todesnot hatte ich nur den einen Wunsch: Sollte mich eine Kugel treffen, mein Gott, dann bitte so, daß ich auf der Stelle tot bin. Die Flugzeuge brausten über das kleine Wäldchen, bestrichen dieses mit ihren MG-Garben, wendeten, flogen über das Ackerland, machten Jagd auf den einzelnen Mann, der sich da noch regte, wendeten wieder und bestrichen erneut unseren Fluchtort. Als der Angriff zu Ende war, hatten die Mordvögel eine reiche Ernte gehalten. Nun wandten sie sich einem neuen Ziele zu, dem Luftwaffenstützpunkt in Nohra, nur wenige Kilometer vom eben verlassenen Schlachtfeld entfernt.
Das Wäldchen , in dem wir Schutz gesucht hatten, mag etwa drei bis fünf Hektar groß gewesen sein. In manchen Gegenden Deutschlands würde man es noch nicht einmal als Wald, sondern nur als 'etwas größeren Busch' bezeichnet haben. Wir waren etwa 130 Mann, größtenteils Kriegsgefangene, die hier Schutz gesucht hatten, vielen von ihnen hat es nichts genutzt. Nun lagen hier und auf dem angrenzenden Ackerstück 87 Tote und 14 Schwer- oder Leichtverletzte, also 101 Opfer des beschriebenen Angriffs.“ [158] (Auf diese Zahlen müssen wir später noch einmal zurückkommen - der Essayist)
(...)„Nur mit etwa 30 Mann, also knapp einem Viertel, kamen wir körperlich unversehrt aus diesem Höllenspektakel heraus. Die Autobahn, ihre Böschung, der Acker, das Wäldchen - überall Leichen verschiedener Nationalitäten. Viele von ihnen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Offensichtlich waren bei dem Beschuß Explosivgeschosse zum Einsatz gekommen.“ [158]
Diese Massenhinrichtung - man kann das Geschehene wohl kaum anders bezeichnen - läßt freilich eine Reihe von Fragen aufkommen: Hätte ein solcher Marschhaufen nicht mit deutlich sichtbaren weißen oder Rotkreuz-Fahnen ausgestattet sein müssen? Hätten die Piloten bei ihrem Tiefangriff bei sonnenklarem Wetter nicht sofort erkennen müssen, daß es sich bei den Menschen da unten nicht um faschistische Soldaten handeln konnte, da sie ja ganz offensichtlich unbewaffnet waren, keinerlei Abwehrreaktionen zeigten? So aber haben alliierte Piloten ihre eigenen Kampfgefährten getötet - wahrlich eine makabre Aktion von Blutrausch! Beginn der Apokalypse!
„Oberfeldwebel Klee war unverletzt geblieben, denn er konnte noch schnell die Autobahnbrücke erreichen, die ihm ausreichenden Schutz bot. Durch seine unbeschreibliche Dummheit trug er einen Großteil Schuld an diesem Massaker.
Hätte er uns ein paar Stunden vorher, als wir die Autobahn erreicht hatten, nicht in die falsche Richtung geführt, hätten wir uns zu der Zeit, als die Flugzeuge kamen, längst in den Wäldern südlich von Erfurt befunden und hätten ungleich bessere Deckung gehabt. Klee hatte durch seine Dummheit kurz vor dem absehbaren Kriegsende noch den Tod von hundert Menschen mitverschuldet. Aber wahrscheinlich hat er sich darüber nie Gedanken gemacht. Ich hatte ihm unwiderruflich Rache geschworen.
Ich war in diesem Kriege zum Mörder geworden. Dies belastete mein Gewissen. Aber in solcher Lage sollte es mir nicht darauf ankommen, noch ein Opfer mehr auf mein Gewissen zu laden. Ja, ich empfände es als großes Unrecht, wenn Leute wie Klee lebend und womöglich auch noch unversehrt aus dem Kriege heimkehrten.
Verbissen suchte ich nach einer Gelegenheit, bei welcher ich mich nicht gescheut hätte, ihn ins Jenseits zu befördern. Aber er mußte wohl Lunte gerochen haben, er ging mir fortan aus dem Wege.
Wir ließen am Ort des Massakers ein Beerdigungskommando zurück, und unsere stark zusammengeschrumpfte Marschsäule setzte ihren Marsch ins Ungewisse fort.“ [156-159]
Auch die Odyssee von Karl Meister fand ihre Fortsetzung und erreichte noch einige Höhepunkte bei der Gefangennahme und schließlich in amerikanischer Gefangenschaft in Frankreich. Wir aber legen sein vergilbtes Manuskript zur Seite und begeben uns auf die Suche:

*

Das Land Thüringen, wo sich nahe bei Weimar auf dem Ettersberg das KZ Buchenwald befand, ist reich an Gedenkstätten, die Zeugnis ablegen von den Verbrechen der Naziherrschaft und von den unsäglichen Leiden ihrer Opfer, die noch wenige Wochen vor Kriegsende auf Todesmärsche geschickt wurden.
Wir wollten wissen, ob dem Massaker an der Weimarer Autobahnbrücke auch eine Gedenkstätte gewidmet ist. Und wir wurden fündig, aber wir mußten Jahrzehnte nach dem Vorfall auch eine traurige Überraschung erleben. Doch zunächst das, was wir von einigen älteren Einwohnern aus dem unweit der Autobahn gelegenen Ort Obergrunstedt erfuhren, die Augenzeugen (zumindest der dem Massaker folgenden Vorgänge)waren.
Demnach ist nach dem Einmarsch der Amerikaner das Massengrab geöffnet worden, die Opfer französischer und belgischer Nationalität wurden exhumiert und in ihre Heimat überführt.
Man verwies uns auf den örtlichen Friedhof, wo wir nach einigem Suchen im hintersten Winkel, schon außerhalb des eigentlichen Friedhofsterrains, eine wenig auffällige und kaum gepflegte Gedenkstätte, die zum Massengrab gehört, vorfanden. Ein wenige Quadratmeter umfassender Platz, der um fünfzehn Treppenstufen tiefer liegt als das eigentliche Friedhofsgelände, eine etwas abschüssige Stelle, die - nach Auskunft einer 79jährigen Einwohnerin des Dörfchens - früher einmal von den Kindern zum Rodeln genutzt worden ist. Diese Frau hat übrigens im Jahre 1945 auch die Leichentransporte vom „Schlachtfeld“ zum Massengrab beim Friedhof per Ackerwagen mit Pferdegespann aus nächster Nähe beobachtet.
Die eigentliche Überraschung stellte sich beim Lesen der Inschrift ein:

HIER RUHEN
67 SOWJETISCHE SOLDATEN
32 FRANZÖSISCHE SOLDATEN
2 BELGISCHE SOLDATEN
SIE GABEN IHR LEBEN IM KAMPF
FÜR DIE BEFREIUNG VOM FASCHISMUS
DEN TOTEN ZUR EHRE DEN LE
BENDEN ZUR MAHNUNG


Wir glaubten zunächst, an der falschen Gedenkstätte zu stehen, die nichts mit dem von K. Meister geschilderten Massaker an den Kriegsgefangenen zu tun hat. Doch dann gab es keinen Zweifel, spricht doch auch Meister von sowjetischen bzw. russischen, französischen und belgischen Gefangenen, die zur Marschsäule gehörten.
Und dann fiel es uns wie Schuppen von den Augen:
67 + 32 + 2 ergibt als Summe 101 Opfer.
Ja, und die von Karl Meister angeführte Rechnung (87 Tote + 14 Schwer- u. Leichtverletzte) ergibt ebenfalls die Summe von 101 Opfern.
Wir befanden uns also zweifellos an der richtigen Gedenkstätte, denn sowohl die Gesamtzahl der Opfer als auch die Angaben zu ihrer Nationalität können keine Zufälligkeit sein.
Und doch: K. Meister berichtet ja nicht von 101 Toten, sondern er erwähnt 14 Schwer- und Leicht-Verwundete . Wie diese zu Toten wurden, wird sicherlich nie mehr aufgeklärt werden können. Daß Schwerverwundete noch an Ort und Stelle verstorben sind, kann natürlich nicht abgestritten werden, daß Leichtverwundete aber den Platz des Grauens nicht mehr lebend verlassen konnten, muß tiefere Ursachen haben. Der für diesen Fall mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffende Begriff heißt: Mord. Kaltblütiger Mord!
Wie immer man den Verdacht auch formulieren mag, er richtet sich gegen Deutsche, gleichgültig, ob in Uniform oder in Zivil.
Die in Stein gemeißelte Inschrift der Gedenkstätte ist leider sehr allgemein gehalten und geht nicht darauf ein, wie es zum Tode der 101 Personen gekommen ist. Die pauschal heroisierende Formulierung „... gaben ihr Leben im Kampf für die Befreiung vom Faschismus“ gilt nur in ihrem allgemeinsten Grundbezug, sie wird dem damals konkret Vorgefallenen aber in keiner Weise gerecht.
Auch die Inschriftaussage, daß bei der Gedenkstätte insgesamt 101 Opfer ruhen, erscheint fragwürdig, falls die Aussagen von Zeitzeugen zutreffend sind, wonach die Opfer französischer und belgischer Nationalität durch die Alliierten exhumiert und in ihre Heimat überführt worden seien.
Doch wird man wohl in Rechnung stellen müssen, daß bei dem allgemeinen Chaos, das in den letzten Wochen und Monaten vor der totalen Kapitulation des „Tausendjährigen Reiches“ und in den ersten Wochen danach gerade im Thüringer Raum geherrscht hat, auch kaum noch annähernd vollständig und exakt nachvollzogen werden konnte, was da im einzelnen vonstatten gegangen ist und welche Menschen davon betroffen waren. 5) Auch ist ja die Marschsäule aus Breslau mit den Kriegsgefangenen Russen, Franzosen, Belgiern und Engländern nur eine von vielen gewesen, die damals durch Thüringen gezogen sind und die nicht nur in zeitliche und räumliche Nähe zu den berüchtigten Todesmärschen mit KZ-Häftlingen gerieten, sondern dann auch auf die zurückflutenden und in Auflösung begriffenen deutschen Streitkräfte und die ihnen auf den Fersen folgenden alliierten Truppen stießen.
*

5. Verurteilung / Freispruch

Karl Meister, mein leiblicher Vater, wir schreiben jetzt das Jahr 1998. Du liegst nun schon 33 Jahre in Gottes Erde. Ich bin heute fast doppelt so alt wie Du damals warst, als Du gleich zu Beginn des 2. Weltkrieges Deine ersten traumatischen, Dich bis an Dein Lebensende psychisch belastenden Erlebnisse hattest. Den mit Deinem Herzblut geschriebenen Lebensbericht haben wir - meine Schwester und ich und unsere Nachkommen - mit innerer Ergriffenheit zur Kenntnis genommen. Deine Enkel und Urenkel, die die deutsche Sütterlinschrift ja nicht lesen können, haben die wesentlichen Inhalte durch uns erfahren.
Wir haben Deine Ausführungen, insbesondere auch die, wo Du eine erste philosophische Aufarbeitung versucht hast, aufmerksam gelesen und haben die Botschaft, die Du uns vermitteln wolltest, verstanden. Jedenfalls glauben wir dies.
Über ein halbes Jahrhundert ist ins Land gegangen, und noch immer sind die Folgen des Krieges für uns alle schmerzhaft.
In den letzten Jahren sind sich deutsche Politiker wiederholt in die Haare gefahren, weil Oppositionelle, einem Wort von Tucholsky folgend, gesagt haben: Soldaten sind Mörder (oder doch wenigstens potentielle Mörder)!
Als die Gemüter sich etwas beruhigt hatten, lenkte man ein und formulierte, daß sie zwar nicht pauschal Mörder seien, wohl aber Mordwerkzeuge. Dem muß man sicher zustimmen. Ja, die eigentlichen Mörder sind vom Ort des Blutvergießens meist weit entfernt.
Sie sind dort zu finden, wo Rüstungsaufträge erteilt werden, wo man durch Konstruktion und Produktion von Kriegswaffen und -material aller Art Profit macht, wo die Anweisungen und Befehle erteilt werden, Menschen gegen ihren Willen in Soldatenuniformen zu stecken und sie auf andere Menschen, andere Völker zu hetzen.
Sie sind bzw. waren zu finden in den Kreisen mit den protzigen Funktionärsuniformen der obersten Nazi-Elite, aber auch unter den Herrschaften mit den maßgeschneiderten Nadelstreifenanzügen, die, hinter Regierungsschreibtischen sitzend, - den militärischen Angriff auf andere Länder und Staaten befehlen und die damit das Töten von Menschen zur ersten und ständigen Tagesaufgabe erklären. Aber sie finden sich auch auf der mittleren Führungsebene, dort wo Fanatiker des Nationalsozialismus in ihrer Herrenmenschenideologie und in ihrem Rassenwahn mit beispielloser Skrupellosigkeit und Brutalität schwere und schwerste Verbrechen an der Zivilbevölkerung und an Kriegsgefangenen zu verantworten haben.

Und es sind die Kräfte, die Wehrdienstverweigerer mit der Todesstrafe belegten oder sie in Strafbataillone schickten, was im Resultat auf das Gleiche hinauslief, die eigene Soldaten standrechtlich erschießen ließen, weil die sich in ihrer seelischen Not die Pulsadern durchtrennt hatten.
Die eigentlichen Mörder sind diejenigen, die auf Grund ihrer verbrecherischen Politik eine strategische Situation zu verantworten haben, in der Hunderttausende von Menschen, vor allem Greise, Frauen und Kinder in der ungünstigsten Jahreszeit des strengen Winters gezwungen wurden, auf die todbringende Flucht vor der herannahenden Front zu gehen. Es sind die gleichen Kreise, die Tausende von Kriegsgefangenen und von KZ-Häftlingen auf endlos lange Todesmärsche durchs deutsche Land geschickt haben, die dafür verantwortlich sind, daß wehrlose Gefangenenkolonnen ohne Rot-Kreuz-Fahnen durch Gegenden getrieben wurden, wo die alliierten Streitkräfte längst die Lufthoheit hatten und wo folglich auch solche Massaker wie das an der Autobahnauffahrt Weimar prinzipiell voraussehbar waren.
Aber auch unter den einfachen Soldaten gab es nicht wenige regelrechte Mörder. Doch auch sie waren zum großen Teil selbst Opfer der Entmenschlichung und der totalen geistigen Manipulation in jener Zeit.
Du, Karl Meister, gehörtest keinesfalls zu diesen, wohl aber der Gefangenenbewacher, der den bereits halbverhungerten, wehrlosen russischen Kriegsgefangenen auf dem Kartoffelhaufen kaltblütig niederschoß.
Trotz der schriftlichen Meldung, die Du darüber an Deine Vorgesetzten abgegeben hast, wird ihn aber wohl kaum die gerechte Strafe ereilt haben, denn das ganze faschistische System war zutiefst verbrecherisch, und das verbrecherische Handeln des Einzelnen paßte genau in die allgemeine Mordstrategie der Hauptverantwortlichen.
Kriegstote sind keine Unfallopfer, sondern Mordopfer! Es kommt darauf an, die wirklichen Mörder zu benennen und sie der verdienten Strafe zuzuführen. Menschenopfer auf seiten des Aggressors sind dessen Mordkonto zuzurechnen, so wie dieser auch für alle direkten und indirekten Folgelasten verantwortlich ist, die nunmehr auch das eigene Land, das eigene Volk treffen: Reparationslasten, Gebietsverluste, jahrzehntelange Fremdbesatzung, Volksvertreibung, Not und Elend - um nur einiges aus der langen Schuldliste zu benennen.

Karl Meister, Vater, Deine Gewissensbisse, Dein Bekenntnis, Du fühltest Dich als Mörder, gereichen Dir zu Ehre. Doch die Skrupel, die Dich bis an Dein Lebensende verfolgt, ja, die Dein Siechtum und Deinen frühen Tod befördert haben, sind zu kurz gegriffen, weil sie bei Deiner Person beginnen und bei Deiner Person aufhören.
Nein, Du bist kein Mörder. Die beiden polnischen Partisanen mußten zwar ihr Leben lassen, weil Du die tödlichen Schüsse auf sie abgegeben hast. Aber Du hast sie nicht aus egoistischen Motiven getötet. Du kanntest sie ja gar nicht, hast vorher nie etwas mit ihnen zu tun gehabt, hast sie vorher nie gesehen. Und hättest Du sie persönlich gekannt und wärest Du mit ihnen in einen argen Streit verwickelt gewesen, so wäre es Dir nie auch nur im Traume eingefallen, eine tödliche Waffe auf sie zu richten. Gleiches gilt ganz bestimmt auch für die beiden Partisanen hinsichtlich ihres Verhältnisses zum Major.
Du befandest Dich in einer Zwangslage, ähnlich der im Zivilrecht verankerten Notwehrsituation, in der Dir keine andere Wahl blieb. Du hattest diese Situation nicht herbeigewünscht oder absichtlich gesucht. Und Du wärest hinsichtlich Deiner Gewissensqualen keinen Deut besser dran, hättest Du die Partisanen ihr Vorhaben vollenden lassen.
Oder hättest Du in der Folgezeit etwa besser mit dem Vorwurf leben können, maßgeblich mitschuldig zu sein am Tode des von Dir wegen seiner humanistischen Grundhaltung geachteten und geschätzten Abteilungskommandeurs? Mit Sicherheit nicht. Wir haben bei dieser Frage stillschweigend vorausgesetzt, Du wärest nicht wenige Augenblicke später ohnehin von den Partisanen entdeckt und mit dem gleichen Schicksal bedacht worden, das sie dem Major zugedacht hatten.
Durch Deine unfreiwillige Zugehörigkeit zur Naziwehrmacht warst Du in eine ausweglose Zwangslage geraten, Du warst total manipuliert, hattest keine Wahl, mußtest die Dir aufgezwungene Rolle als Vollstrecker von im Prinzip längst gefällten Todesurteilen auch gegen inneres Sträuben annehmen und hattest dabei keine Sekunde Zeit, über Recht oder Unrecht zu befinden und über Menschenrecht und Moral nachzudenken.
In dieser Situation tatest Du automatisch genau das, was man Dir schon in der Rekrutenzeit im Jahre 1918 eingedrillt und wozu man Dich in den Krieg geschickt hatte. Übrigens muß man es den beiden Partisanen noch hoch anrechnen, daß sie für den Major - einmal abgesehen von der Mißhandlung mit dem Strick - noch eine ehrenvolle Exekution in Form einer formellen standrechtlichen Erschießung vorgesehen hatten und ihn nicht einfach wie einen räudigen Hund abgeknallt haben. Aber eben dieses letzte kleine Fünkchen soldatischer Ritterlichkeit gegenüber dem Feinde hat zusätzliche Zeit in Anspruch genommen, die den beiden in der gegebenen Situation objektiv nicht zur Verfügung stand, und war deshalb für sie zum Verhängnis geworden.
Aus der gerechten Sicht ihrer Nation hätten die beiden für ihren persönlichen Einsatz zur Verteidigung des Vaterlandes posthum eine hohe Ehrung verdient, wie viele andere ihrer Landsleute auch.
Du warst in diesem verbrecherischen und verfluchten Krieg ein Mordwerkzeug, weil Du - so wie auch ich, Dein Sohn - Soldat warst. Wir einfachen Menschen und mit uns beiden auch Millionen anderer hatten in diesem zutiefst unmenschlichen System keine andere Wahl, wenn wir nicht das Wertvollste, was wir als Menschen besitzen: unser eigenes Leben, von vornherein wegwerfen wollten.


*

6. Gegenwart (!) ... Zukunft (?)

Ja, mehr als ein halbes Jahrhundert ist seit den Geschehnissen, über die K. Meister berichtet, vergangen. In dieser Zeit ist vielen Deutschen, vielleicht aber auch Angehörigen anderer Nationen, die Sensibilität für die Wahrheiten der Vergangenheit langsam abhanden gekommen. Für Menschen, die während des Krieges oder später geboren wurden, ist der 2. Weltkrieg schon finsterste Vergangenheit, vergleichbar dem 30jährigen Krieg. All das liegt für sie eine Ewigkeit zurück, betrifft scheinbar nicht ihr eigenes Leben, nicht die Welt von heute. Dieses Verblassen der Vergangenheit im individuellen wie auch im gesellschaftlichen Bewußtsein ist ein ganz natürlicher Vorgang, mit dem man sich abfinden muß, gleichgültig ob einem dies nun gefällt oder nicht.
Aber noch etwas anderes sollte uns sehr nachdenklich stimmen: Gewaltanwendung gegen Menschen und Sachen und ihre spektakuläre Darstellung und Verbreitung durch die Medien ist heute in aller Welt, auch in Deutschland zur Alltäglichkeit geworden. Für Kinder und Jugendliche ist es schon fast kein Unterschied mehr, ob ihnen dies in Form eines Märchenfilmes, in Form eines Western mit schießwütigen Cowboys und Selbstjustiz übenden Typen aller Art begegnet, ob sie einen Dokumentarbericht von echtem Mordgeschehen bei kriegerischen Auseinandersetzungen oder aus dem Bereich der tagtäglichen aktuellen Kriminalität sehen, oder aber ob sie sich bei einem Computerspiel aktiv in der „Vernichtung“ eines - hier, Gott sei Dank, nur virtuellen - „Gegners“ üben.
Wen wundert es da noch, daß sich auch in der zivilen Sphäre eine allgemeine Brutalität breitmacht, die mit der zweckwidrigen Anwendung von Baseballschlägern als Schlagwaffen beginnt und die beim illegalen Besitz und dem bedenkenlosen Gebrauch von Schußwaffen aller Art und Sprengsätzen noch lange nicht ihre Grenzen erreicht hat. Ein Menschenleben hat im Bewußtsein einer steigenden Anzahl, gerade auch jüngerer Leute schon längst keinen Wert mehr. Zweifellos eine Voraussetzung und Bedingung dafür, daß sich auch heute noch an einem beliebigen Punkt der Erde ähnliches und unter Umständen noch schlimmeres abspielen kann als das, was in der Vergangenheit die Menschheit schon einmal an den Rand des Abgrunds gebracht hat.
Hinzu kommt eine weitgehend janusköpfige Moral in wohl allen Kulturkreisen, wenn es um die Frage der Vernichtung menschlichen Lebens geht. Man denke nur an die konservativen Kräfte in vielen Staaten, die zum Beispiel einerseits vehement gegen eine Geburtenregelung durch Abtreibung eintreten mit dem Vorwand, das ungeborene Leben schützen zu wollen, die aber andererseits alles in ihrer Macht Stehende tun für immer mehr und wirkungsvollere Vernichtungswaffen, für wachsende militärische Stärke und Überlegenheit und für eine bewaffnete Präsenz eigener Streitkräfte außerhalb ihres eigenen Hoheitsgebietes, wobei sie jederzeit bereit sind, die Vernichtung von Menschenleben billigend in Kauf zu nehmen.
Zu dieser janusköpfigen Moral gehört auch, daß einerseits zwar schon den Kindern eine wesentliche Grundposition der christlichen Ethik - „Du sollst nicht töten!“ - beigebracht wird, daß aber andererseits die Heranwachsenden (zumindest die männlichen), kaum daß sie der Schule entwachsen sind, zum militärischen Dienst gezwungen und dort mit aller Nachhaltigkeit und Perfektion körperlich, technisch-ausrüstungsmäßig und ideologisch zum Töten anderer Menschen gedrillt und erzogen werden. Was für die jungen Menschen heute im Zivilleben noch ein eklatanter Straftatbestand ist, kann schon morgen - im Kriegsfalle - als eine ständige Handlungsaufforderung, als ein Dauerauftrag an sie herangetragen werden. Und sie werden dann mit umso höheren militärischen Auszeichnungen geehrt, je mehr und initiativreicher sie von diesem Dauerauftrag Gebrauch machen. Insgesamt aber werden sie dann in eine Situation getrieben, in der sie, bei Gefahr für ihre eigene Weiterexistenz, meist auch gar nicht anders können, als den für sie nunmehr straffrei gewordenen Mordauftrag bedenkenlos zu erfüllen. Sie sind, ehe sie sich's versehen, nunmehr in einer Person nicht nur Mordwerkzeug (was aufgrund der genossenen psychischen Manipulation größtenteils aus ihrem Bewußtsein verdrängt wird), sondern gleichzeitig auch Richter und Scharfrichter.
Richter freilich, die an kein bürgerliches Gesetzbuch, an kein 5. Gebot, an kein formal-juristisches Verfahren gebunden sind, die Schuld oder Unschuld nicht zu prüfen brauchen, die keinen Gerichtsbericht und kein Gerichtsprotokoll auszufertigen brauchen, für die es genügt, zu wissen oder wenigstens anzunehmen, daß der Andere ihr persönlicher Feind oder doch der Feind ihrer Nation sei. Richter auch, die das ohne jede Bedenkzeit gefällte Todesurteil unverzüglich selbst vollstrecken - ohne jede juristische Qualifikation, und ohne Angst haben zu müssen vor einem späteren Justizskandal oder vor einer Amtsenthebung und vor Berufsverbot.
Wahrlich: eine „komfortable“ Situation, in der sie sich befinden!
Dies alles wird ergänzt durch eine weitestgehende Eliminierung des Begriffes Mord aus der regierungsamtlichen wie aus der militärischen Fachsprache. Der Terminus Mord wird vermieden, also findet Mord auch nicht statt - fürwahr eine famose Logik, auf die der naive Durchschnittsbürger auch tatsächlich noch hereinfällt!
Mord, den die eigenen militärischen Kräfte am „Feinde“ auftragsgemäß ausführen, ist auf einmal kein Mord mehr. Er wird zu einer Art rechtsstaatlicher Vollstreckung hochstilisiert, zur gerechten Strafe für angeblich Schuldige oder gar „lebensunwerte“ Wesen, die angeblich die Bezeichnung homo sapiens nicht verdienten. Die Tötung von Menschen wird zu einer selbstverständlichen Pflicht, zu einer Sache des Ruhmes und der Ehre, des Heldentums hochgepriesen.
Die Perfektion einer hochentwickelten Waffentechnik tut ein übriges, um das Morden zu erleichtern. Wäre man als Soldat wie in längst vergangenen Zeiten gezwungen, den „Feind“ mit dem Schwert oder der Lanze zu bekämpfen, müßte man dazu seine eigene Muskelkraft einsetzen beim Durchbohren oder Enthaupten des Gegners, ihm dabei ins schmerzverzerrte Gesicht sehen, ja, müßte man im gleichen Augenblick befürchten, im mit letzter Kraftanstrengung geführten Kampf um Leben und Tod den kürzeren zu ziehen und selbst zum Opfer der Auseinandersetzung zu werden, ginge einem das Mordspektakel wohl wesentlich stärker ans Nervenkostüm. So aber setzt man sich ja mit weißen Handschuhen, frisch rasiert und mit dem besten Gesichtswasser gepflegt, in die Kanzel des gut bewaffneten und kaum ernsthaft angreifbaren Großbombers, ohne die Ladung, die das Bodenpersonal vorher in die Bombenschächte eingehängt hat, persönlich zu Gesicht bekommen zu haben. Man startet die Maschine, fliegt los - alles Routine - und drückt, wenn die Maschine die Zielkoordinaten erreicht hat, kurz auf das „rote Knöpfchen“, falls nicht auch noch dieser Handgriff automatisch vom Bordcomputer erledigt wird. Und das wär's dann ja auch schon! Wen interessiert es da noch, daß wenige Sekunden später Dutzende, Hunderte, ja Tausende von Menschenleben ausgelöscht und ebensoviele Menschen für den Rest ihres Lebens zu Krüppeln gemacht werden??
Die Faszination der einige tausend Meter tiefer erfolgenden Explosionen suggeriert doch nur ein festliches Feuerwerk - und zurück geht's, auf den heimatlichen Militärflugplatz, wo einen, wenn der Abend noch nicht allzuweit fortgeschritten ist, im Kasino noch allerlei Kurzweil erwartet, die dafür sorgt, daß man nicht etwa ins Grübeln verfällt.
Soldaten, Zivilisten, Greise, Frauen, Kinder - alles Tote und Schwerverwundete - , doch: „das ist ja schon Stunden her!“ und: „Wo war das noch gleich?“ - „Also, Kameraden, Hoch die Tassen! Laßt die Gläser klingen!“
Ja, und wo sind hier die Mörder? Werden diese irgendwann einmal zur Verantwortung gezogen? Welche Strafe wird sie erwarten? Wie werden sie sich vor einem möglichen Gericht herausreden? An dem konkreten Mordgeschehen waren sie ja nicht unmittelbar beteiligt!!!
Sehr bedenklich muß es einen stimmen, wenn in letzter Zeit auch aus dem Bereich Bundeswehr immer wieder nationalistische, rassistische, militaristische und gewaltverherrlichende Vorkommnisse sowie eine falsch verstandene militärische Traditionspflege bekannt werden und dies obendrein noch von verschiedenen Politikern kleingeredet und beschönigt wird.
Haben wir es hier nicht vielleicht mit einigen der Brutstätten für die Reproduktion und für die geschichtliche Kontinuität des Bösen zu tun?
Erfreulich und ermutigend dagegen die Initiativen, die zur Schaffung der Wanderausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht geführt haben, einer Ausstellung, die inzwischen in einer Anzahl deutscher Großstädte gezeigt worden ist und in der dem Besucher authentisches Material vor Augen geführt wird. Leider aber handelt es sich bei der Ausstellung nicht um eine Regierungsinitiative, und ob sie den Segen der in Deutschland wirklich Mächtigen hat, darf aus verschiedenen Gründen bezweifelt werden.
Kein Wunder also, daß sich durch diese Ausstellung, in der unangenehme Wahrheiten klar ausgesprochen und mit Zeitdokumenten belegt werden, so mancher unverbesserliche Altnazi persönlich provoziert fühlt und im Verein mit Gleichgesinnten gegen diese Ausstellung mobil macht. Ein makabres Geisterspektakel, das dem deutschen Volke am Ende dieses Jahrhunderts wahrhaftig nicht zur Ehre gereicht!
Auch hier könnten wir die oben gestellte Frage nach den Brutstätten des Bösen wiederholen.
Bleibt uns die Hoffnung, daß aus dem europäischen Einigungsprozeß, in den sich auch Deutschland mit viel Initiative einbringt, starke Impulse für eine geistige Erneuerung ausgehen, daß die Irrungen und Wirrungen der deutschen Vergangenheit endlich ehrlich und vollständig aufgearbeitet werden, damit Deutschland für immer einen würdigen Platz in der europäischen Völkergemeinschaft einnimmt. Auch, damit wir nicht eines Tages die Thematik eines weltweiten Literatur-Preisausschreibens noch durch die Frage ergänzen müssen: „Die Zukunft von der Gegenwart befreien?“ Gerade so verstehen wir auch das Vermächtnis des Kriegsteilnehmers Karl Meister:
„Man muß zurückblicken in die Vergangenheit, um das Gegenwärtige so zu meistern, daß es in Zukunft ein Brauchbares wird.“ [4]


* * *
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1) Der Verfasser stützt sich auf ein autobiografisches Material des im Jahre 1965 verstorbenen Kriegsteilnehmers Karl Meister.Der Name ist geändert, die geschilderten Situationen sowie die Ortsangaben entsprechen den Tatsachen.

2) Die hier wie auch im folgenden angeführten Seitenangaben [...] beziehen sich auf das Original-Manuskript des Karl Meister,das sich als Erbnachlaß im Privatbesitz des Essayisten befindet. Partiell leichte, jedoch sinnwahrende redaktionelle Bearbeitung desOriginaltextes.

3) Aus der Schonung ist inzwischen (1998) ein Wald mit stattlichen Bäumen geworden. Immer wenn ich auf der Autobahn dort vorbeifahre, muß ich an das damals Geschehene denken.- Der Essayist -

4) Nach meinen Recherchen handelte es sich um amerikanische Flugzeuge des einmotorigen Typs MUSTANG T 51 B und/oder des zweimotorigen Typs MARAUDER B 26 (Bomber), die in England stationiert waren und die u.a. Stör-Einsätze im Raum Weimar flogen.- Der Essayist -

5) Gegenwärtig (April 1998) lebt in Niedergrunstedt noch eine 90jährige Frau, die damals irgendwelche Arbeiten in der Schonung bei der Autobahn verrichtete und dabei ins Schußfeld der Flugzeuge geriet, ohne jedoch getroffen zu werden. Leider ist sie jetzt sehr schwerhörig, so daß eine persönliche Unterhaltung mit ihr nicht sehr ergiebig ist. Sie hat jedoch in der Vergangenheit ihren Kindern und Enkeln über das Erlebte erzählt. Ihre Aussagen stützen vollinhaltlich die von K. Meister gemachten Angaben.

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Erwin-Portrait-Zeichnung

20. September 2013 , Geschrieben von Max Strammer

Erwin-Portrait-Zeichnung

step 1 Buntstift und Graphit auf a4 Aquarellpapier

step 2: erste  Verstärkung

step 2: erste Verstärkung

So, fertig!

So, fertig!

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Weiter mit einem neuen Bleistiftprojekt

18. September 2013 , Geschrieben von Max Strammer

Weiter mit  einem neuen Bleistiftprojekt

Der Großonkel und der Großneffe... oder heißt es doch: 'Urneffe'... ach, nee, das galt ja nur bei den Enkeln und nicht bei den Nichterichen...

Hier also der erste step:

Vorzeichnung Hart und z.T. mittelhart auf a3 Zeichenkarton (so ca. 150gr.)

Stand: 18.09.2013

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update Mitte September 2013

18. September 2013 , Geschrieben von Max Strammer

update Mitte September 2013

Durch das Mitmachen bei sechs online-Übungslektionen, bei einer engl. Buntstiftfirma, nach deren erfolgreicher Absolvierung man, kostenlos, ein paar Buntstifte dieser Firma, nach eigener Wahl, zugeschickt bekommen soll, entstand dieses und noch ein- zwei andere Bilder, bei denen die Technik des "Aquarellierens" mit einfachen Mitteln nachempfunden wurde.

Hier gehts also um sowas, wie Schultuschkastenfarbe und verschiedene Stifte.

Für mich alles irgendwie Neuland.

Test- bzw. Übungsbilder
Test- bzw. Übungsbilder

Test- bzw. Übungsbilder

Aquarellartiges, seitliches Frauenportrait, a4 auf Papier, Öl & Sepia -Machbarkeitsübung-

Aquarellartiges, seitliches Frauenportrait, a4 auf Papier, Öl & Sepia -Machbarkeitsübung-

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update Anfang September 2013

9. September 2013 , Geschrieben von Max Strammer

update Anfang September 2013

Einige Bleistiftzeichnungen:

Ölpastellstifte-Übung a4

Ölpastellstifte-Übung a4

Die ungeliebte Holzeisenbahn (a3) / Burgfräulein Isa (a3)
Die ungeliebte Holzeisenbahn (a3) / Burgfräulein Isa (a3)

Die ungeliebte Holzeisenbahn (a3) / Burgfräulein Isa (a3)

Opi Karl  (a4)

Opi Karl (a4)

Der kleine Kacker
Der kleine Kacker

Der kleine Kacker

Mädchen mit Schirm / Gestaltenskizzen
Mädchen mit Schirm / Gestaltenskizzen

Mädchen mit Schirm / Gestaltenskizzen

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Bleistifterei

31. August 2013 , Geschrieben von Max Strammer

Bleistifterei

Hier sind mal einige Bleistift-Aktionen zu sehen, die so entstanden sind:

Bleistifterei
Bleistifterei
Bleistifterei
Bleistifterei
Bleistifterei
Bleistifterei
Bleistifterei
Bleistifterei
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Das Zwei-Kumpel-Bild

31. Juli 2013 , Geschrieben von SiME

Stand: 31.07.2013

Lw auf KR 50 x 70 cm

Sepia, Kohle, Pastellkreide, mehrfach mit Haarlack fixiert,

als Vorbereitung für ein späteres Ölbild. Einzelne steps und/oder Details

Das Zwei-Kumpel-Bild - steps-
Das Zwei-Kumpel-Bild - steps-
Das Zwei-Kumpel-Bild - steps-
Das Zwei-Kumpel-Bild - steps-
Das Zwei-Kumpel-Bild - steps-

Das Zwei-Kumpel-Bild - steps-

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