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Gertis Muckel

7. Oktober 2013 , Geschrieben von Max Strammer

Gertis Muckel

Gertraud - oder nennen wir sie doch einfach Gerti - ist jetzt achtundvierzig und ohne Arbeit. Sie lebt seit 1987 im Osten Deutschlands.

Herbert, ihr Lebenskamerad, war gleich nach der deutsch-deutschen Grenzöffnung aus der DDR geflohen. Er hatte sich aus dem Staube gemacht und sie einfach sitzenlassen.

"Ich muß unbedingt den Westen testen!" - hatte er ihr zum Abschied noch zugerufen. Dann war er fortgegangen.

Das alte Tafelsilber, einen Teil ihres Schmuckes und das Westgeld, welches sie beide vom Verkauf der noch gut erhaltenen bayerischen Kleiderspende-Sachen auf den anhaltinischen Trödelmärkten eingenommen hatten, hatte er einfach mitgenommen.

Daß sie unbedingt ihre todkranke Oma pflegen müsse, hatte sie damals den Behörden als Begründung für ihre Übersiedlung in die DDR geschrieben. In Wirklichkeit kam sie nur wegen diesem Mistkerl hierher.

Sie war eben schlimm verliebt gewesen in ihren schönen Herbert, den sie im Urlaub am bulgarischen Schwarzmeerstrand kennengelernt hatte.

Allein seinetwegen hatte sie das schöne oberbayerische Heimatdorf und ihren Sonderarbeitsplatz als Gehilfin des Schulheizers verlassen.

Aber Gertis Oma war inzwischen gestorben, und der Herbert, dieser Hundesohn, hatte sich abgesetzt, hatte seine Gerti einfach im Stich gelassen. Das würde sie ihm nie verzeihen - niemals!

Nichts war ihr geblieben.

Sie lebt seitdem allein in der alten Dreiraumwohnung. Das heißt: nicht ganz alleine, denn da gab es ja noch den ebenfalls "alleinstehenden" Kaninchenbock Muckel.

Er war der einzige lebende Nachfahre aus Omas Kaninchenzucht, das letzte Andenken an Oma. Muckel war treu, Gertis Trost in allen Lebenslagen. Er war Ersatz für das Kind, das sie nie bekommen hatte, und außerdem ein richtiger Lebenskamerad. Auf ihn konnte sie sich wenigstens verlassen.

Es machte ihr auch nichts aus, wenn Muckel mal an den hölzernen Sofabeinen knabberte. Und wenn er auch manchmal seine Murmeln auf dem alten Flur-Linoleum hinterließ, Gerti konnte ihm deswegen nicht böse sein.

"Ja, Muckel, du hast es gut bei mir!"

So manches Geheimnis hatte sie ihm anvertraut. Muckel enttäuschte Gerti nicht. Er ließ sich auch nicht vollaufen und grölte auch nicht so herum, wie Herbert es immer getan hatte.

Und doch, es sollte die Zeit kommen, wo Gerti sich von ihrem Muckel trennen mußte.

Das geschah im Jahre "drei" nach der Wende.

Das alte Haus, in dem Gerti bis jetzt gewohnt hatte, sollte abgerissen werden, um einem prächtigen Bürohaus Platz zu machen.

Und Gerti mußte ausziehen.

Zum Glück bekam sie gleich eine neue Bleibe, eine frisch sanierte Einraumwohnung in einer schönen Mietskaserne.

Da war Gerti froh.

Aber diese Freude sollte nicht lange dauern.

Als Gerti einmal den Flur naß aufwischte, und dabei die Wohnungstür offenstehen ließ, nutzte Muckel die ihm gebotene Freiheit und hoppelte bedächtig ins Treppenhaus.

Und just in diesem Moment kam der böse Hausmeister die Treppe hochgeschlichen. Als er Muckel sah, mußte er sich erst mal am Treppengeländer festhalten. Danach wischte er sich mit beiden Händen die Augen aus, schnappte nach Luft und fing mit der neuen Mieterin Gertraud laut zu schimpfen an: ob sie denn nicht den Mietvertrag gelesen habe und ob sie nicht wisse, daß Tierhaltung in der Wohnung strengstens verboten sei.

Er sagte weiter, daß sie genau einen Tag Zeit habe, dieses Untier aus dem schönen neuen Mietshaus zu entfernen, sonst müsse er gleich am nächsten Tag den Hausbesitzer informieren und der würde mit solchen Mietern kurzen Prozeß machen und sie an die frische Luft setzen.

Nun wollte Gerti aber nicht an die frische Luft gesetzt werden. Und ihren Muckel weggeben zu müssen, das brach ihr fast das Herz.

Und so begab sie sich schweren Herzens zu ihrer Freundin Gundel, die am Stadtrand wohnte, um der ihr Leid zu klagen.

Ihren Muckel hatte sie gleich mitgenommen, in der Hoffnung, daß er bei Gundel ein neues Zuhause fände.

Und außerdem hatte Gundel nächstes Wochenende Geburtstag. Vielleicht würde sie ja den Muckel als ein vorfristiges Geburtstagsgeschenk ansehen und ihn bei sich aufnehmen und ihm Unterkunft gewähren.

Und wenn Mucki vielleicht doch nicht bei Gundel bleiben könnte? Gundel wüßte bestimmt Rat und würde helfen, sie kannte ja so viele Leute.

Als Gerti nun Gundel ihr Leid geklagt hatte, hat die erst mal lange nachgedacht. Dann hat sie gesagt:

"Liebe Gerti, deinen Muckel kann ich leider nicht in meiner Wohnung aufnehmen. Auch in meinem Mietvertrag steht, daß das Halten von Tieren in der Wohnung streng verboten ist. Wenn ich also deinen Muckel bei mir aufnähme, würde mir das gleiche zustoßen, wie es dir zugestoßen ist."

Und als Gerti flehte:

"Bitte finde eine Lösung für Muckel, ich bezahle auch das Futter im voraus. Hier, ich habe fünfzig Mark, die kann ich gerne mit dazugeben..." - da hatte Gundel noch mal lange nachgedacht.

Schließlich sagte sie dann endlich, daß sie eine Lösung hätte:

"Weißt du was: - Ich habe dir doch von meinem Bekannten erzählt, dem Peter Hacke, der wohnt allein in einem Haus. Der würde den Muckel bestimmt nehmen. Also, in Gottes Namen, laß den Hasen hier."

Da fiel der Gerti ein Stein von ihrem Herzen.

Sie gab der Gundel auch gleich die fünfzig Mark in die Hand, damit sie es sich nicht noch mal anders überlegen sollte.

Gundel machte dann für sich und für Gerti einen Kaffe und der Muckel durfte sogar noch in Gundels Wohnung rumhoppeln und alles auskundschaften.

Gundel sagte dann, daß der Peter noch heute Nacht käme, sie zu besuchen, und da wollte sie ihm schon den Muckel mitgeben. Und am Wochenende sei der Peter dann ja auch mit da.

Als das Gespräch auf das nächste Wochenende und damit auf Gundels Geburtstag gekommen war, sagte die Gundel zu der Gerti, daß sie ja auch schon zum Mittagessen kommen könne, da gäbe es nämlich Thüringer Klöße, die ihr der Peter machen würde, und der kann die besonders gut. "Der arbeitet nämlich in einem Restaurant, mußt du wissen" - hatte sie gesagt.

"Und zu schenken brauchst du mir ja auch nichts weiter, höchstens 'ne Kleinigkeit."

Da war Gerti froh. Es geht eben nichts über eine echte Frauenfreundschaft.

Für Gerti wollten dann die Tage bis zu Gundels Geburtstag nicht vergehen, zu sehr fehlte ihr Muckel. Aber sie hatte keine Sorge mehr, wußte sie doch ihren Muckel in guten Händen.

Am Geburtstag dann saß Gerti pünktlich am Mittagstisch bei Gundel. Sie freute sich schon mächtig auf das Geburtstagsessen. Sie selbst kannte ja Thüringer Klöße nur dem Namen nach - in Bayern aß man immer nur Knödel.

Während Peter noch in der Küche herumwirtschaftete und sich durch niemanden stören lassen wollte, tranken die beiden Frauen schon ihren dritten OUZO, den Peter vorher noch schnell aus dem Kühlschrank geholt hatte und den man immer vor dem Essen trinken muß.

Vom angenehmen Bratengeruch schon ganz erregt, konnte es Gerti kaum erwarten, bis es endlich soweit wäre und das Festmahl begänne.

Dann war es endlich soweit: die Klöße und der Festtagsbraten standen auf dem Tisch. Man stieß noch schnell auf Gundels Geburtstag an. Dann sahen sich Peter und Gundel tief in die Augen und haben sich auch noch geküßt. Nun konnte der Festschmaus beginnen.

Bei so viel Liebe dachte Gerti gleich an ihren Muckel und seufzte leise vor sich hin: " Ach ja, mein kleiner Muckel, ob es Dir wohl gut ergeht und ob du es auch schön warm hast in Deinem neuen Zuhause?"

Ohne gleich auf die Frage der Gerti zu antworten, sahen sich Gundel und Peter wieder bedeutungsvoll an. Peters rechtes Auge zuckte leicht, und unter dem Tisch, so schien es, suchten Gundels Füße Kontakt zu Peters Knien - zumindestens kam es Gerti so vor.

Bis Peter endlich das Schweigen brach und sagte:

"Liebe Gerti, mach' dir da mal keine Sorgen, das Tier hat ja jetzt das Schlimmste bereits hinter sich."

Und Gerti machte sich keine weiteren Sorgen, fragte den Peter, ob sie sich noch die letzte knusprige Hühnerkeule vom Bratenteller nehmen darf - und dabei entging ihr ganz, daß dieses Huhn vier Beine hatte.

*

(c) [SiME]

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