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Augen zu ... und durch !

7. Oktober 2013 , Geschrieben von Max Strammer

Augen zu ... und durch !

Es ist dunkel um ihn herum. Manfred sieht gar nichts mehr. Er ist wieder allein im Zimmer und hat immer noch Kopfschmerzen. Im Bett liegend, hört er den schlurfenden Schritten der sich entfernenden Stationsschwester nach. Garade eben hatte sie noch seine Bettdecke glattgezogen und zu ihm gesagt: "Kopf hoch! Das werden wir schon wieder hinkriegen." Dann war sie gegangen.

Durch das noch leicht geöffnete Fenster hörte man das Rauschen der Kastanienbäume. Auch ein paar Vögel zwitscherten wohl.

Dabei hatte der gestrige Tag völlig normal begonnen. Manfred konnte nicht ahnen, daß er noch vor dem Feierabend in einem Krankenhausbett der Augenklinik enden sollte. Nun lag er bereits den zweiten Tag in diesem Bett und durfte nicht aufstehen. "Sie haben absolute Bettruhe!" - hatte man zu ihm gesagt, "und das heißt: Sie dürfen nicht aufstehen, sich nicht rasieren und natürlich auch nicht rauchen. Wenn sie Hilfe brauchen, benutzen sie den Klingelknopf am Kopfende ihres Bettes, und eine Schwester wird dann nach Ihnen sehen."

Beide Augen hatten sie ihm verbunden.

An dem Schränkchen, gleich neben dem Bett hing eine 'Ente', und darunter stand ein sogenannter 'Schieber'. Diese Gerätschaften sollte Manfed benutzen, wenn ihm danach wäre, und anschließend nach der Schwester klingeln.

Danach war ihm aber überhaupt nicht, weder gestern noch heute, noch in die nächsten Tagen - das konnte er jetzt schon mit Bestimmtheit sagen.

Wie lange sein Aufenthalt hier dauern würde, das konnte man zu diesem Zeitpunkt freilich noch nicht sagen.

Manfred wußte nur, daß es schon "einige Tage" dauern würde. Jedoch wieviel sind "einige Tage"?

Mit Sicherheit aber hatte er jetzt, trotz aller Ungewißheit, "einige Tage" Zeit.

Es war schon Ende Mai. Die Zeit rannte davon.

Im August schon sollte sein Studium an der Offiziersschule der Deutschen Volkspolizei in Aschersleben beginnen. Ein Jahr Vorbereitungsstudium in Weimar hatte er bereits hinter sich gebracht.

Der gestrige Dienstsport in der Thüringen-Halle sollte da noch so eine Art letzter Vorbereitung auf die sportlichen Anforderungen des künftigen Studiums sein.

Manfred versuchte, sich Klarheit über das gestern Vorgefallene, dessentwegen er in der Augenklinik gelandet war, zu verschaffen, versuchte, sich in die neue Situation, die für ihn unter Umständen weiterreichende Folgen haben könnte, hineinzufinden:

Hallenfußball war angesagt gewesen. Fußball, ausgerechnet Fußball!

Des öfteren hatte diese Art der Ausgestaltung des Dienstsportes schon zu ernsthaften Verletzungen bei den Kollegen geführt.

Einige ältere Kollegen hatten es schließlich erreicht, daß zwei Gruppen gebildet wurden: eine, die Fußball spielt und eine andere, die einen ausgedehnten Waldlauf durch den Stadtwald machen sollte. Letzterer Variante hatte sich auch Manfred angeschlossen, da sie einen angenehmen Waldspaziergang, mit interessanten Gesprächsthemen und anschließender Einkehr in die Waldgaststätte verhieß.

Hier konnte man sich dann in aller Ruhe eine Zigarette gönnen und sich bei einem kühlen Bier von den Strapazen des "Waldlaufes" erholen.

Leider war der Krankenstand in der letzten Zeit deutlich angestiegen, ausgerechnet unter den "Waldläufern". Bedingt dadurch fiel dann auch der Waldlauf ins Wasser.

Aber was sollte man machen, ausschließen konnte man sich nicht, und schließlich festigt Fußball auch den Teamgeist oder den Kollektivgeist, wie es damals noch hieß. Nun gut, Manfred war wieder mal Torwart.

Sollten sich doch die anderen die Lunge aus dem Hals hetzen, er bevorzugte einen etwas ruhigeren Posten.

In seiner Mannschaft war auch noch der dicke Erich, ein Mann, schon hoch in den Fünfzigern, Pfeifenraucher aus Leidenschaft. Er konnte zwar auch schon nicht mehr so schnell laufen, aber mit seiner ehrwürdig gesetzten Ausstrahlung brachte er wenigstens Ruhe in das Spiel. Als ihn dann jedoch nach zirka zehn Minuten Spielzeit ein aus ungefähr fünf Metern abgeschossener Vollspannschuß des schnellen Dietrich traf und zwar punktgenau vor den Bauch, war beim dicken Erich die Luft raus. Mitten im Lauf blieb er wie angewurzelt stehen, seine dicke Hornbrille segelte auf's Parkett, er hielt sich mit beiden Händen den Bauch fest, verdrehte die Augen, schnappte nach Luft und fiel wie ein prall gefüllter Mehlsack auf seinen Hintern. Volltreffer! - Baucherschütterung!

Das Spiel mußte für kurze Zeit unterbrochen werden. Zwei Mitspieler halfen Erich, nachdem man sich davon überzeugt hatte, daß er keine ernsthaften Verletzungen davongetragen hatte, auf und geleiteten ihn zur nächsten Sitzgelegenheit am Spielfeldrand. Auf den weiteren Verlauf des Spieles konnte er nun also nicht mehr Einfluß ausüben. Na und? - vorher tat er dies ja ohnehin auch nur dadurch, daß er den anderen Fußballspielern im Wege stand.

Durch den Spielerverlust noch stärker motiviert, gaben sich die restlichen Fußballer aus Erichs Mannschaft noch mehr Mühe, den bereits eingetretenen Torrückstand aufzuholen, während die gegnerische Manschaft nun ihre Chance witterte, den Dienstsport mit einem fußballerischen Kantersieg zu beenden. Verbissen jagten die verbliebenen Spieler beider Mannschaften dem runden Leder hinterher, schossen aus allen Lagen und Situationen, rempelten sich an und beschuldigten sich danach gegenseitig, unfair zu spielen. Manfred sah dies alles aus der relativ sicheren Position des Torwarts gelassen mit an. Plötzlich tauchte der gegnerische Spieler Zwirn, wegen seiner Größe und der am ganzen Körper sichtbaren kräftigen Muskelpakete von den Kollegen auch der "Eisenbieger" genannt, nach einer wunderbar gelungenen Vorlage von Dietrich, einige Meter vor Manfreds Tor auf. Manfred sah, wie der Ball nach links auf Heiner Birke gespielt wurde, dieser gab zurück zu Zwirn. Manfred war inzwischen schon aus dem Tor gesprungen und war gerade im Begriff, sich dem Ball entgegenhechten, als Zwirn diesen schon angenommen hatte und ihn mit einem Gewaltschuß aus wenigen Metern Entfernung in Richtung Tor hämmerte. Vermutlich wäre der Ball wohl auch in Manfreds Tor eingeschlagen.

Es war wohl Schicksal, daß der Ball nur etwa zwei Meter weit in Richtung Tor fliegen konnte. Dann prallte er ab.

Genau in die Flugbahn des unheilbringenden Geschosses war Manfred gehechtet. Der glasharte Schuß traf Manfreds Gesicht.

Aus - Mattscheibe !

Manfred kam langsam wieder zu sich. Er war umringt von den Spielern beider Manschaften. Irgendjemand rief seinen Namen. In Manfreds Kopf war ein dumpfes Dröhnen und Rauschen, die Stimmen nahm er nur noch wie durch eine dicke Watteschicht wahr.

Er machte die Augen auf. Nichts zu sehen - das heißt: fast nichts. Mühsam führte Manfred seine rechte Hand vor's Gesicht.

Was er da sah, war nur dazu angetan, ihn aufs höchste zu beunruhigen. Fast sein gesamtes Blickfeld war von einem schmutzig grau-braunen Nebelschleier verhangen, der sich dann aber doch langsam aufzulösen begann und etwas durchsichtiger wurde. Aber nur im oberen und im unteren Bereich konnte er noch halbwegs klar sehen. Unten sah er den Parkettfußboden der Sporthalle und dazu die Schuhe der Umherstehenden, und im oberen Bereich sah er einen Teil der Decke der Halle mit ihren Neonlampen. Langsam löste sich dieser merkwürdige Nebel auf, wurde heller und durchsichtiger, machte einer eigentümlichen schwarzen Struktur Platz, die aussah, als wenn jemand Tinte auf eine durchsichtige Plastikfolie ausgeschüttet hätte. Auch die Stimmen der Kollegen wurden jetzt klarer. Die länglichen Tintenkleckse blieben jedoch. Sie wanderten und bewegten sich bei jeder Bewegung der Augen mit, hängten sich zwischen Manfred und seine Umgebung. Manfred wurde ebenfalls an den Spielfeldrand auf die Bank zu Erich gebracht, dem es inzwischen schon wieder deutlich besser ging. Der kümmerte sich um den neuen Verwundeten. Nach dem Dienstsport - die so personell geschwächte Manschaft hatte natürlich verloren - wurde Manfred dann zu einem Augenarzt geschafft und der überwies ihn sofort in die Medizinische Akademie.

Also doch etwas Ernsthaftes - noch ein Ausfall mehr.

Aber auch damit würde man leben können, würde man leben müssen.

Bestimmt würde die in letzter Zeit angestiegene Ausfallrate wieder Thema bei der nächsten Parteigruppenversammlung sein, ändern würde sich aber nichts, schließlich bestand die Parteigruppe ja fast ausschließ aus "Fußballern", und Sport mußte sein, darin waren sich alle einig.

Manfred jedenfalls würde erst mal ein paar Tage Ruhe haben, sich in der Obhut netter Schwestern sicherlich schnell wieder erholen, um dann fit wie nie zuvor die restlichen Tage bis zu seinem Direktstudium aktiv am Dienstbetrieb teilzunehmen. Darin war man sich einig.

Belastend für Manfred war nur, daß ihm beide Augen zugebunden worden waren, und so konnte er die netten Schwestern nicht näher in Augenschein nehmen. Aber vielleicht gab es ja auch noch andere Anknüpfungspunkte, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Einige knackige junge Dinger waren auf jeden Fall mit dabei gewesen, beim Schwesternteam. Das hatte Manfred während der augenärztlichen Untersuchung gleich nach seiner Einlieferung in die Klinik schon noch sehen können, bevor man ihm die Augen mit Augentropfen versorgt und dann schon im Bett, ihm die sogenannten "Möpse" über die Augen geklebt und sie mit einer abschließenden Binde vollständig "dicht" gemacht hatte.

Manfred hätte es sicher verdient gehabt, sich ausführlicher an den weiblichen Reizen, die ihn umgaben, zu ergötzen.

Daß er sie jedoch, wegen der verdammten Augenbinde eigentlich nie zu sehen bekam, war zwar ein Handikap, aber es erhöhte andererseits den Reiz bei der ganzen Geschichte. Baggern und Flirten könnte dem Genesungsprozeß bestimmt nicht abträglich sein, und den Schwestern hätten ja vielleicht auch eine kleine Abwechslung in ihrem tristen Schichtalltag, gewürzt durch die aktive Mitwirkung des besonders freundlichen Patienten Manfred M., gut zu Gesicht gestanden.

Das war zumindestens Manfreds Meinung. Ob er darin Recht haben sollte, würden die nächsten Tage ja wohl hoffentlich zeigen...

*

(c) [SiME]

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